Sommer 2026

Bemerkung

Noch nicht fertig.

Hallo Freunde,

fast ein halbes Jahr ist seit meinem letzten Rundbrief vergangen (abgesehen von meinem Alarm vor einigen Wochen), jetzt wird es aber Zeit, dass ich euch nochmal erzähle, wie es uns geht!

Übrigens sind seit meinem ersten Rundbrief an Freunde ziemlich genau 25 Jahre vergangen. Die alten Rundbriefe sind nicht mehr im Internet sichtbar, aber ich habe nachgeschaut, am 18.09.2001 schrieb ich:

Ly und ich sind wohlbehalten in Tallinn angekommen. Mittlerweile sind wir ja schon drei Wochen hier. Zur Zeit sieht unser Appartement noch recht chaotisch aus: es sind eben nur 43 Quadratmeter, und ich hatte ja immerhin eine ganze Wagenladung Gepäck bei mir…

Unser Umzug von Eupen nach Tallinn hatte ja Zwischenstation in Taizé gemacht. Taizé heißt: eine Woche anhalten um seelisch aufzuatmen. Wir haben beide den Eindruck, dass uns das gelungen ist. (…)

Aber zurück in die Gegenwart. Ich fange mal mit der größten Sensation an: Ly ist vorige Woche mit dem Fahrrad ins Dorf gefahren, um Schlagsahne zu kaufen. So was hatte sie seit drei Jahren nicht mehr getan. Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass sie wegen ihrer „undifferenzierten seronegativen Arthritis“ –so nennen Ärzte das– nur in Haus und Garten umher spazieren kann. Es gibt also Grund zu hoffen, dass diese Phase in unserem Familienleben doch noch irgendwann wieder vorbei geht.

Quasi den ganzen Sommer hat Ly in Vigala verbracht, während die Kinder und ich immer dann bei ihr waren, wenn wir keinen Grund hatten, anderswo zu sein. Mari musste zum Beispiel einmal eine Woche lang in Tallinn in der Wohnung einer Freundin wohnen, um deren Katze zu bewirten. Oder Iiris musste sechs Wochen lang im Hesburger am Viru-Tor Hamburger verkaufen, um ihr erstes selbstverdientes Geld zu machen. Und ich musste mit den Tallinner Nachbarn den Zaun um unser Grundstück erneuern, oder zum Zahnarzt gehen, oder an zwei Folk-Festivals teilnehmen, um dort Taizé-Gebete zu veranstalten.

Ungefähr zwölfmal ist Ly im alten Steinbruch in Luiste schwimmen gegangen. Das war neu in diesem dritten Sommer der Arthritis. Freilich brauchte sie dazu entweder Mari oder mich als Chauffeur. Vor meinem ersten Einsatz als Chauffeur murrte ich ein wenig, weil ich es schon immer als unnützen Luxus empfunden hatte, in Vigala mit dem Auto zum Schwimmen zu fahren. Erst als ich mit eigenen Augen sah, dass Ly tatsächlich ins Wasser stieg und dort tatsächlich zehn Minuten lang herum schwamm, bekannte ich meinen Irrtum, sah das wunderbare Hoffnungszeichen und genoss von da an die Autofahrten mit ihr zum Steinbruch.

Insgesamt würde ich diesem Sommer „Arthritis im Rückzug“ als Titel geben.

Einmal fuhr auch Iiris mit zum Schwimmen. Und –typisch!– auf der Rückfahrt wollte sie natürlich einen Hamburger kaufen im Dorfladen von Teenuse. Dort gibt es die berühmten Retro-Burger. Ich sagte „Aber dann will ich auch einen!“, denn ich lass mich doch nicht lumpen. Die erste Hälfte meines Burgers habe ich sogleich sehr genossen, die andere Hälfte am nächsten Tag. Ein Retro-Burger ist nichts für Touristen, um den zu genießen, muss man seit mindestens einem Jahr in Estland leben.

Ich habe diesen Sommer relativ oft am Computer gesessen, weil ich bis Ende August einen neuen Lino fertigstellen musste. Dieser neue Lino ist eine Plattform für die Stewards des Hohen Venns. Der verheerende Vennbrand hat unseren Zeitplan dann spürbar durcheinander gebracht, aber das Projekt ist rechtzeitig fertig geworden und wird in den kommenden Monaten in Betrieb genommen. Für die etwa 100 ehrenamtlichen Stewards bedeutet die Umstellung von Google auf Lino eine ziemliche Herausforderung, deshalb wird das noch seine Zeit brauchen. Mir liegt das Projekt auch deshalb am Herzen, weil meine Eltern oft mit uns Kindern ins Venn gingen und mein Vater in den 1990er Jahren einer der ersten zertifizierten Guides des Hautes Fagnes war.

Mit Sharif in Bangladesh treffe ich mich fast jeden Morgen auf Jitsi, um unseren Tag zu besprechen. Sharif kennt manche Teile von Lino inzwischen besser als ich sie je kennen werde. Wenn er ausfallen würde, hätte ich wahrscheinlich keine Lust mehr weiter zu machen. Ich habe ihm schon gesagt, dass er mit seinem Monatslohn rechnen kann, solange Lino Geld einbringt. Was ihm gut passt, denn im Februar werden er und seine Frau Humayra zum ersten Mal Eltern. Seit Anfang September ist auch Jan als Jungentwickler mit im Lino-Team, zumindest für eine viermonatige Probezeit. Ich bin gespannt, wie der sich entwickelt.

Mein schönstes Erlebnis in diesem Sommer waren die beiden Folk-Festivals in Viljandi und Käsmu, bei denen wir die Besucher des Festivals dreimal täglich zum Taizé-Gebet einluden. In Viljandi habe ich es einmal geschafft, einen kirchenskeptischen Folklore-Fan zu überreden, doch wenigstens einmal mitzumachen. Die Kirche, wo unser Gebete stattfanden, stand mitten auf dem Zeltplatz, wo auch er zeltete, er hatte also nicht weit zu gehen. Nach dem Gebet meinte er „Das wird wohl nie meine Welt werden, aber jetzt kann ich mir ein bisschen besser vorstellen, weshalb euch das gefällt.“ Über solche kleinen Erlebnisse freue ich alter Brückenbauer mich immer besonders.

Seit Anfang September ist Mari für ein halbes Jahr in Kaunas (Litauen) für einen Schüleraustausch über das Erasmus-Programm. Schon nach der ersten Woche lobte sie die estnischen Schulen für deren gute Ausstattung und Organisation.

Inzwischen wohnen Iiris und ich wieder hauptsächlich in Tallinn, während Ly weiter ihr Einsiedlerleben in Vigala genießt. Seit einer Woche erlebt sie die Einsiedelei besonders intensiv, weil ihr Telefon nach über 8 Jahren treuem Dienst über Nacht entschlafen ist. Am Dienstag fahre ich sie besuchen und und bringe ihr ein neues Telefon mit.

Ich habe auch weiterhin gelegentlich kleine Blogeinträge geschrieben. Sechs davon finde ich auch jetzt noch lesenswert: Meine erste Pride-Parade / Auf beide Töchter stolz / Kirche und Sexualität / Nur zwei Regeln / Estnische Silberhochzeit / Lebensvertrauen als Grundhaltung.

Liebe Grüße aus Tallinn, Vigala und Kaunas von

Luc mit Ly, Mari und Iiris

Sonntag, 20. September 2026

Diesen Rundbrief habe ich per E-Mail an alle verschickt, die in meiner Freundesliste stehen.