Meine erste Pride-Parade¶
Vorigen Samstag habe ich zum ersten Mal in meinem Leben an einer Pride-Parade teilgenommen. Nämlich an der Baltic Pride in Tallinn.
Im Vorfeld war ich offen gestanden ein wenig besorgt, ob es mir gefallen würde. Exhibitionismus und Pornografie möchte ich nämlich nicht unterstützen.
Meine Sorge erwies sich als ungerechtfertigt. Keine einzige anstößige Szene habe ich gesehen, stattdessen viele nette Leute mit tollen Ideen. Ein bisschen wie Karneval, aber ohne Alkohol.
Ja, da kommen natürlich einige skurrile Typen zusammen, deren Geschmack eindeutig nicht der meine ist. Leute mit Tätowierungen und Piercings zum Beispiel, und grell geschminkte Damen. Aber die sehe ich auch an normalen Tagen, wenn ich in die Tallinner Innenstadt gehe.
Mit Mia aus Linz hatte ich ein bereicherndes Gespräch. Sie berichtete, wie dankbar sie für die Pride-Paraden ist, denen sie geradezu ihr Leben verdankt, weil sie dadurch nach Jahren der Selbstzweifel und des Sich-vor-sich-selbst-Versteckens erstmals den Mut gehabt hat, sich zu outen und dadurch Menschen getroffen hat, bei denen sie sich wohlfühlen kann. Meinen Vortrag, dass „pride“ (Stolz) ein suboptimaler Name für diese Paraden ist, weil das Wort sowohl Dankbarkeit als auch Arroganz bedeuten kann, hörte sie sich gelassen an und meinte dann „Ich bin schon stolz darüber, dass ich noch lebe.“
Tags darauf schickte mir ein konservativer Freund ein Foto der Parade, auf dem ich zu sehen war, mit der Bemerkung: „Bist du jetzt schon so einer, der sogar in der Parade mitgeht?“ („sa juba nüüd sihuke mees, et käid rongkäigulgi kaasas?“). Ich darauf: „Schön, dass du es gesehen hast! Deswegen bin ich ja mitgegangen.“ („Tore, et nägid! Sellepärast osalesingi.“).
Später las ich, dass auch die Universität Tartu in diesem Jahr zum ersten Mal offiziell mit dabei war. Scheinbar als erste Schule Estlands. Worüber Varro Vooglaid und seine Jünger offenbar sehr enttäuscht sind. Vooglaid ließ seiner Enttäuschung am 7. Juni auf Facebook freien Lauf, in Form einer Tirade aus nichtssagenden und haltlosen Parolen, die noch nicht einmal einen Link verdient. Nichts Neues bringt er in die Diskussion, kein einziges Argument zum Thema, im letzten Satz macht er Queer-Aktivisten sogar für die zu niedrige Geburtenrate und das anstehende Aussterben des estnischen Volkes verantwortlich.
Es ist freilich erschreckend, dass ein intelligenter Mann wie Vooglaid solch unfreundliche Dinge denkt und schreibt, und dass er sogar noch Anhänger hat, die ihm dazu applaudieren. Und Vooglaid ist nicht der einzige. Sein Kollege Priit Tammeraid ist mindestens ebenso produktiv.
Aber bedenke: Sexualität geht tief unter die Haut. Wenn soziale Prinzipien, die tausende Jahre lang selbstverständlich waren, ins Wanken geraten, kann man schon Angst kriegen. Gegen eingeprägte Überzeugungen kann man nicht mit Argumenten angehen. Über die Sorgen sexuell besonderer Menschen wird deshalb besonders emotional diskutiert.
Im Grunde deute ich dieses Geschrei als ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass der Zug abgefahren ist. Für immer mehr Menschen in Estland ist es selbstverständlich, dass queere Menschen als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft willkommen sind. Die konservativ Gesinnten sehen ihre Felle davonschwimmen und schreien deshalb besonders laut. Die Situation erinnert mich an eine Geschichte aus der Bibel: Jesus lehrte an einem Sabbat in der Synagoge. Da war auch ein Mensch, der von einem Dämon, einem unreinen Geist, besessen war. Der schrie mit lauter Stimme: He, du, was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes! Da drohte ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der Dämon warf den Mann in ihre Mitte und verließ ihn, ohne ihm zu schaden. (Lk 4,31-35)
Dienstag, 9. Juni 2026