Versöhnlich mit mir selber¶
Gestern schrieb ich in einem Nachtrag zu Karfreitag 2026, dass ich mir selber gegenüber sehr versöhnlich bin. Und das bin ich nicht nur bei langfristigen Themen wie Lino, meinem Lebenstraum, sondern auch in den kleinen alltäglichen Dingen. Muss ich mir deswegen Sorgen machen?
Zum Beispiel habe ich am Sonntag meinen Bischof zum Duell herausgefordert. Es war ein liturgisches Duell über die Frage „Mundkommunion versus Handkommunion?“ Ich bin nicht sicher, wie ein Eupener Priester reagieren würde, wenn ich zur Kommunion käme und mich vor ihm hinkniete und ihm die Zunge rausstreckte. Diese Art des Kommunionempfangs kannte ich als wohlerzogener Eupener nur aus Don-Camillo-Filmen. Hier in Estland ist das aber offenbar der Standard, sowohl bei den Lutheranern als auch bei den Katholiken. In beiden Konfessionen ist aber zu meinem Glück auch die Handkommunion erlaubt. Und ich mache von dieser Erlaubnis seit 25 Jahren ungeniert Gebrauch. Wenn der Priester meine Hostie berühren darf, wieso sollte ich das nicht auch dürfen? Mundkommunion ist für mich Priesterverherrlichung und widerspricht deshalb dem ersten Gebot („Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“). Mein Bischof sieht das aber irgendwie anders. Der beharrte am Sonntag auf Mundkommunion. Ich stehe da vor ihm mit offenen Händern und geschlossenem Mund, er mit der Hostie zwischen Daumen und Zeigefinger. Er hat das Duell natürlich gewonnen, ich habe nachgegeben. Erst nachher suchte ich im Internet und lernte, dass ich keine Chance gehabt hatte, der Bischof war voll im Recht: Mundkommunion ist in der römisch-katholischen Kirche der empfohlene Standard, und Handkommunion ist lediglich toleriert, und auch das nur in Bistümern, wo der Papst dem Bischof erlaubt hat, es zu tolierieren. Hier, hier und hier steht es.
Und hier präzisiert der Autor sogar „In einer Welt, die das Heilige verharmlost und die Sünde vergisst, brauchen wir klare Zeichen der Anbetung – mehr denn je.“ Soso, ich verharmlose das Heilige und vergesse die Sünde. Finden manche Katholiken. Zumindest besagter Autor, ein gewisser José Manuel García Molina, geboren 1956, spanischer Politiker, Ökonome und Mitglied der Partida Popular.
Und der Prophet Jesaja gießt noch Öl ins Feuer: „19 Wenn ihr willig seid und hört, / werdet ihr das Beste des Landes essen. 20 Wenn ihr euch aber weigert und auflehnt, / werdet ihr vom Schwert gefressen. / Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen. 21 Ach, wie ist zur Hure geworden die treue Stadt. / Die voll des Rechts war, in der Gerechtigkeit die Nacht verbrachte - / und jetzt Mörder! 22 Dein Silber wurde zu Schlacke, / dein Wein ist mit Wasser gepanscht. 23 Deine Fürsten sind Aufrührer / und eine Bande von Dieben, ein jeder liebt Bestechung / und jagt Geschenken nach. Dem Waisen verschaffen sie kein Recht / und der Rechtsstreit der Witwe gelangt nicht vor sie. 24 Darum - Spruch Gottes, des HERRN der Heerscharen, / des Starken Israels: Wehe, ich werde mir Genugtuung verschaffen an meinen Gegnern, / mich rächen an meinen Feinden. 25 Ich will meine Hand gegen dich wenden, / ich schmelze wie mit Lauge deine Schlacken aus / und will all dein Blei entfernen.“
Der Ton, in dem ich das alles erzähle, hat wahrscheinlich schon verraten, dass ich mir selber gegenüber sehr versöhnlich bin. Oder wie meine Frau es formuliert: Der heilige Luc findet immer eine Rechtfertigung für sein Handeln und seine Ansichten. Und vom Prophet Jesaja zitiert mein Beichtvater mir nicht die obige Wehklage, sondern den Vers davor; „18 Kommt doch, wir wollen miteinander rechten, / spricht der HERR. Sind eure Sünden wie Scharlach, / weiß wie Schnee werden sie. Sind sie rot wie Purpur, / wie Wolle werden sie.“
Das alles gibt mir trotzdem zu denken. Ich suche nach der eventuellen Lektion oder Konsequenz, die ich daraus ziehen sollte. Soll ich meine Sünde erkennen und lernen, dass die einzig wahre Art und Weise zum Empfang der Kommunion auf den Knien ist und vor allem ohne das Allerheiligste, das nur ein Priester berühren darf, mit meinen schuldbeladenen Fingern zu verunreinigen? Und dies dann auch bezeugen und meinen Mitmenschen erklären? Oder im Gegenteil einer Organisation den Rücken kehren, die im Jahr 2026 noch von ihren Mitgliedern verlangt, Don Camillo und Peppone zu spielen? Oder noch schlimmer: soll ich dem Papst einen Brief schreiben und ihm empfehlen, die Kirchenlehre entsprechend meiner Überzeugung anzupassen?
Bon, ich vermute, dass die Antwort irgendwo zwischen diesen Extremen liegt. Wie schon Otto Waalkes in seinem Sketch Theo, wir fahr’n nach Lodz! tröstend sagte: „Sollte uns das nicht zu denken geben? Ich denke Nein.“
Mittwoch, 27. Mai 2026