Der schlechteste Lehrer, den du je hattest

Samstag, 2. Mai 2026

Hier ein Text von Michael Bellinger, den ich super fand. Er hat ihn ursprünglich auf LinkedIn geteilt. Ich veröffentliche ihn auch hier, mitsamt einer subjektiven Auswahl der dortigen Kommentare.

Der schlechteste Lehrer, den du je hattest

Der schlechteste Lehrer, den du je hattest,
war vielleicht dein wichtigster.

Ich hatte viele Lehrer,
die ich damals gut fand.

Heute sehe ich das anders.

Ich hätte mehr lernen können.
Mehr wachsen können.
Mehr aus mir machen können.

Aber da war dieser eine Mensch…

Ein negatives Vorbild –
und gleichzeitig eines der prägendsten.

Nicht, weil er mich gefördert hat.
Sondern weil er mir gezeigt hat,
wer ich niemals sein will.

Viele sprechen über gute Vorbilder.
Aber wir werden genauso stark geprägt
von den schlechten.

Der Lehrer, der dich bloßstellt.
Der dich übersieht.
Der dich zweifeln lässt.

Das hinterlässt Spuren.
Aber auch Standards.

Hier steckt die eigentliche Lektion:

1. Schlechte Erfahrungen schärfen deine Werte
Du erkennst klar, was fair ist – und was nicht.

2. Respekt ist die Basis
Ohne ihn verliert Lernen seinen Sinn.

3. Gehört werden verändert Menschen
Ignoranz wiegt oft schwerer als Kritik.

4. Angst blockiert Entwicklung
Sicherheit ist Voraussetzung, kein Extra.

5. Einfluss zeigt Charakter
Wie du mit Macht umgehst, prägt andere.

6. Druck ohne Unterstützung ist keine Stärke
Sondern schwache Führung.

7. Haltung ist ansteckend
Eine Person kann alles runterziehen – oder aufbauen.

Die schwierigen Kapitel sind nicht umsonst.

Sie formen dich.
Sie definieren, wofür du stehst.

Eines Tages wirst du selbst Einfluss haben –
als Lehrer, Führungskraft oder einfach im Umgang mit Menschen.

Und genau das ist der Punkt:

Du kannst es anders machen.
Nicht nur als Lehrer.
Sondern als Mensch.

Mach aus deinem schlechtesten Vorbild
den besten Standard für andere. Für dich.

So verändert man den Kreislauf.

Kommentare auf LinkedIn

Ich zitiere einige Kommentare auf LinkedIn, die das Thema weiter ausloten:

Marc Stefan Willems kommentierte: Muss dieses Erlebnis (ich zitiere „Bloßstellung“) wirklich sein, oder sollten wir Lehrer:innen stets professionell handeln, damit Schüler:innen genau diese Erfahrung nicht machen? Kinder sollen in der Schule wachsen, angstfrei lernen und ihr Potenzial entfalten! … und nicht lernen, wie es nicht funktioniert. Tut mir leid, aber Bloßstellung von Lehrer:innen gegenüber Minderjährigen hat in der Schule nichts verloren. Solche Lehrkräfte haben keinen Platz im System. Im Gegenteil: der sinnvolle Aufbsu von Resilienz muss im Vordergrund stehen.

Worauf der Autor antwortete: Da bin ich bei dir: Bloßstellung hat keinen Platz in der Schule. Gleichzeitig war das – zumindest in meiner Schulzeit – leider keine Ausnahme, sondern eher Praxis. Ich erinnere mich gut an meinen Englischunterricht in der 5. Klasse: Klassenarbeiten wurden nach Noten sortiert, und dann musste jede:r nach vorne kommen und sie abholen. Der Name und die Note wurde laut gerufen… Das war kein Einzelfall, sondern Teil eines Systems, das damals anders funktioniert hat. Umso wichtiger ist es, dass wir heute weiter sind. Schule sollte ein Ort sein, an dem Kinder wachsen, sich ausprobieren und Fehler machen dürfen – ohne Angst, bloßgestellt zu werden. Und genau daran müssen wir uns messen lassen.

Hans-Peter Schulz-Bierl kommentierte: Ja, wenn Kinder und Jugendliche diesen imaginären Punkt der Selbstbehauptung erreichen und in einer späteren Reflexion merken, wie sie anders selbst sind. Ich halte diese Idee für beschönigend, sie vermeidet die Selbstreflexion der „schlechten“ Lehrer.

Worauf der Autor antwortete: Nachvollziehbar. Diese Perspektive darf auf keinen Fall dazu führen, dass man negative Erfahrungen „schönredet“. Es gibt viele Menschen, bei denen genau solche Lehrkräfte eben nicht nur prägend, sondern auch begrenzend waren – wo etwas verloren gegangen ist: Neugier, Freude, Vertrauen. Und ja: Lehrkräfte tragen dafür Verantwortung. Ein Gedanke aus der Psychotherapie – Stichwort Reframing: Man kann Erlebtes im Nachhinein anders einordnen und ihm eine neue Bedeutung geben. Aber das ist kein Automatismus. Und schon gar keine Pflicht. Wir sollten beides sehen können – den Schaden, der entstanden ist, und die Möglichkeit, später bewusst anders damit umzugehen.

Beate Caspers kommentierte: Na ja, die besten Lehrer waren für mich nicht, die mich blamiert hatten in der Schule, sondern die strengen und berechenbaren. Lehrer, die klare und anspruchsvolle Erwartungen und Anforderungen hatten und dies auch kommunzierten. Da habe ich viel gelernt. Stoff aber auch für mein Leben als späterer Lehrer. Meine Schüler müssen mich nicht lieben. Sie sollen mich respektieren und mich einordnen können. Ich war und bin transparent und auch streng == konsequent (was sehr anstrengend ist!) . Heute erhalte ich Emails von ehemaligen Schülern, die froh über meinen „strengen“ Unterricht waren. Nicht von allen, klar. Aber die, die schreiben sind die, die wirklich etwas mitgenommen haben. Diese Wertschätzung hat mich getragen.

Dorothee Berres kommentierte: Ich weiß nicht, ob es bewusst so gewählt ist. Aber in diesem Post fehlt mir wirklich sehr doll auch die weibliche Präsens!

Worauf der Autor antwortete: Danke dir für den Hinweis – völlig berechtigt. Das habe ich beim Schreiben tatsächlich nicht bedacht. Natürlich sind hier ausdrücklich alle Lehrkräfte gemeint…

Mein Kommentar

Der Text und die Kommentare veranschaulichen, wie schwierig und zugleich wichtig Vergebung ist. Vergebung (aka Gnade oder Barmherzigkeit) sind prinzipiell ungerecht. Es tut jedem Menschen in der Seele weh, andere Menschen unschuldig leiden zu sehen. Aber Fehler passieren nun mal, Unrecht geschieht nun mal. Und wenn sie dir passieren, dann ist deine Fähigkeit zur Versöhnung ausschlaggebend für deine Heilung. Schwere Unfälle zu vermeiden ist wichtig, aber kleine Unfälle bleiben unverzichtbarer Teil des Lernprozesses. Um glücklich sein zu können, müssen wir lernen, dass es „Arschlöcher“ gibt, dass die Welt trotzdem weiter dreht und dass eine „gerechte Strafe“ manchmal unrealistisch ist.

Was die die fehlende „weibliche Präsens“ betrifft, empfehle ich Geschlechtsneutrale Grammatik.