Karfreitag 2026¶
Hallo Freunde,
ich trau mich kaum es zu sagen: uns geht es gut. So viel Leid in der Welt, während wir hier wie die Maden im Speck leben. Am heutigen Karfreitag schauen wir auf das Schicksal eines Menschen, der unverdient gefoltert und ermordet wurde. Weshalb musste Jesus qualvoll am Kreuz sterben? Weil jedes andere denkbare Ende seiner Geschichte die Botschaft verfälscht hätte. Keiner könnte diese Geschichte dann ernst nehmen und angesichts des Leidens der Welt an Gottes Liebe glauben, geschweige denn an Auferstehung. Möge der Glaube an diese Botschaft jedes Menschenherz erfüllen.
Soweit meine heutige Predigt, jetzt aber zur Sache.
Mari hat es gut in Tartu. Sie war wieder in der Zeitung, diesmal schon im Tartu Postimees, wieder unter ihrem Künstlernamen „Dirty Mary“. Drag-Kunst ist höchstwahrscheinlich nicht mein Geschmack, und Mari wehrte auch entschieden ab, als ich fragte, ob ich zur Aufführung kommen solle, aber beim Lesen des Zeitungsberichts dachte ich, dass der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen ist. Siehe Dirty Mary ließ ihr Publikum Purzelbäume schlagen.
Iiris hat es gut bei den Popsis, bei denen sie seit September 2025 die Posaune mitspielt. Die Popsis sind eine Brass-Band mit über 80 Mitgliedern, die in Estland für ihre stimmungsvollen Auftritte bekannt ist. Im Februar hat Iiris erstmals bei einem Auftritt mitgespielt, und seitdem darf sie auch die charakteristische grüne Arbeiter-Latzhose tragen. Fotos davon habe ich noch nicht, aber hier ist ein Auftritt der Popsis vor 9 Jahren.
Nicht nur bei den Popsis hat Iiris es gut, sondern auch in der Schule. Vorigen Sonntag hatte sie ein Dutzend Klassenkameraden eingeladen, um ihren Geburtstag zu feiern. Ich bekam Anweisung, mich nicht einzumischen und verzog mich in mein Büro. Dennoch bekam ich natürlich mit, dass ein Dutzend 18-jährige drei Stunden lang in unserer Wohnung waren und sich köstlich amüsierten und dabei sehr anständig blieben. Und ich dachte „Solange es noch solche Jugendliche gibt, ist die Welt noch in Ordnung“. Zufällig war ich gerade im Flur, als die ersten gingen, und raunte ihnen zum Abschied zu „Ich bin ja wohl froh, dass meine Tochter solche Freunde hat“.
Auch Ly hat es gut, den Umständen entsprechend. Sie lebt in Vigala wie eine Karmeliterin, abgeschieden von der Welt unter eiserner Selbstdisziplin und strenger Diät. Trotzdem ist sie dank Telefon weiterhin ganz Mutter für Mari und Iiris. Und zum Glück bin ich ja da, um ihren Proviant einzukaufen und abzuliefern. Am vorletzten Samstag war sie für vier Tage nach Tallinn gekommen, um Iirisens Geburtstag zu feiern. Und auch jetzt am Ostersonntag wollten wir alle zusammen zu Maris Geburtstag nach Tartu fahren, aber vorgestern teilte Ly mit, dass die vier Tage in Tallinn für ihren Körper schon zu anstrengend gewesen waren und Iiris und ich folglich ohne sie nach Tartu fahren müssen.
Auch Lino hat es gewissermaßen gut und lebt gewissermaßen wie ein Einsiedler. Sharif und ich haben genau das richtige Maß an Arbeit zwischen Stress und Langeweile. Zur Zeit haben wir auch mal wieder einen Lehrjungen, der bei uns ein Praktikum für die Tallinner Universität macht. Aber wann und wie sich endlich jemand findet, der Lino auch ohne mich weiter entwickelt und pflegt, das steht in den Sternen. Ich schaue seit zehn Jahren ohnmächtig zu, wie ein Projekt nach dem anderen aufkeimt und kurz darauf wieder stirbt. Hier die neueste Story: es gibt in Ostbelgien noch mindestens zwei andere Schulen, die eigentlich einen Lino brauchen, aber selbst wenn ich gemeinsam mit diesen Schulen beweisen würde, dass Lino die Sonderwünsche aller Primarschulen zu einem Bruchteil des von Skolengo veranschlagten Budgets erfüllen kann (ich hätte fast Lust dazu), selbst dann würde das Ministerium nur mit den Schultern zucken, weil sich kein Unternehmer findet, der genug an Lino glaubt, um mich zu ersetzen. Und das alles hält mich trotzdem nicht davon ab, stur meinen Weg zu gehen.
Liebe Grüße aus Tallinn von
Luc mit Ly, Mari und Iiris
Diesen Rundbrief habe ich per E-Mail an alle verschickt, die in meiner Freundesliste stehen.