Kirche und Sexualität¶
Tallinn, den 18. Juni 2026
Ich dachte bisher, dass die Kirche spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf dem richtigen Weg ist, nur eben sehr langsam. Aber manchmal zweifle ich daran, ob das stimmt.
Schon vorige Woche, als ich zur Pride-Parade ging, las ich das Dokument „Persona Humana“, die „Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik“, aus dem Jahr 1975 (Originaltext, Wikipedia-Eintrag). Der erste Absatz ist ja ganz okay:
Die menschliche Person wird nach Ansicht der heutigen Wissenschaft so tief durch die Sexualität beeinflusst, dass diese zu den Faktoren gezählt werden muss, die das Leben eines jeden Menschen maßgeblich prägen. Aus dem Geschlecht nämlich ergeben sich die besonderen Merkmale, die die menschliche Person im biologischen, psychologischen und geistigen Bereich als Mann und Frau bestimmen. Diese haben somit einen sehr großen Einfluss auf ihren Reifungsprozess und ihre Einordnung in die Gesellschaft. Deshalb sind auch, wie für jeden leicht festzustellen ist, die Fragen, die das Geschlecht betreffen, heute ein Thema, das häufig und offen in den Büchern, Zeitschriften, Zeitungen und anderen sozialen Kommunikationsmitteln behandelt wird.
Aber statt diese Entwicklung zu begrüßen, bezeichnet das Dokument sie dann als „Sittenverfall“, der „die allgemeine Mentalität vergiftet“ und sich durch „maßlose Verherrlichung des Geschlechtlichen“ auszeichnet.
Sorry, aber ich kann dieses Dokument nicht ernst nehmen. Ich habe es nicht einmal zu Ende gelesen. Darf ich mich überhaupt noch Katholik nennen?
Gestern habe ich einen Film aus dem Jahr 2011 über das Leben der Beate Uhse und ihrer Kette von Kaufläden für Sex-Artikel geschaut. Sehenswert. In dem Film kommt übrigens keine einzige erotische Szene vor.
Ich habe daraufhin auch in der Wikipedia über die Gründerin und das Unternehmen gelesen. Die Webseite der Firma ist dagegen nicht jugendfrei.
Der Film zeigt deutlich die vorkonziliare Kirche, also die Kirche vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. So jedenfalls hätte ich das bis vor kurzem gesagt. Aber momentan zweifle ich daran, ob das stimmt. Will die Kirche weiterhin so sein wie in diesem Film? Einen Baum erkennt man an seinen Früchten. Ein guter Baum bringt gute Früchte, ein schlechter Baum schlechte. Wo bleiben die guten Früchte?
Mit diesen Fragen habe ich einen Freund zum Essen eingeladen, der sich auskennt in der Kirche. Hier meinte Notizen.
Ja, ich darf mich natürlich auch dann Katholik nennen, wenn ich mit Persona Humana nicht einverstanden bin. Persona Humana ist über 50 Jahre alt und es ist kein Dogma, kein Katholik nimmt dieses Dokument noch wortwörtlich, es hat bestenfalls historischen Wert. Es gibt keinen „offiziellen Standpunkt der römisch-katholischen Kirche zur Sexualität“ oder ähnlichen Fragen. Die Aussagen der Kirche ändern sich ständig. Auch zu Sklavenhaltung oder Todesstrafe haben sich die Aussagen der Kirche im Laufe der Geschichte um 180 Grad gedreht. Die RKK ist weise genug, zur Homosexualität momentan keine klare Stellungnahme zu formulieren, sich nicht für eine klare Richtung zu entscheiden, weil dann die Herde auseinanderbrechen würde. Wir haben den Mut und die Demut zuzugeben, dass wir es nicht wissen. Es gibt Fragen, auf die wir keine Antwort wissen. Vielleicht werden wir in zehn oder hundert Jahren eine klare Antwort haben, aber selbst das wissen wir nicht. Vielleicht haben wir in hundert Jahren gemerkt, dass die Kirche absolut gar nichts über Ehe oder Sexualität zu sagen hat, weil das Dinge „von dieser Welt“ sind.