Norbert Bischofberger interviewt David Steindl-Rast¶
Freitag, 19. Juni 2026
Heute hörte ich folgendes Gespräch, bei dem Norbert Bischofberger David Steindl-Rast im Schweizer Fernsehen interviewt.
https://www.youtube.com/watch?v=slZzT5fcFsM
David Steindl-Rast lebt übrigens noch und wird in einigen Wochen 100 Jahre alt.
Das Gespräch wurde am 5. Oktober 2010 nach YouTube hochgeladen. Ich vermute, dass es um die Jahrtausendwende stattfand, Email gab es schon, war aber noch nicht weit verbreitet, der srf.ch hieß damals noch sf.tv.
Es gibt auch eine neuere Version. Vor gut zwei Jahren, am 17.03.2024 fuhr der Schweizer Rundfunk den Benediktiner-Zenmeister selber besuchen. David Steindl-Rast über den Sinn des Lebens und der Dankbarkeit:
„Ein Gespräch über die grossen Fragen des Lebens, auf die es nicht immer eine Antwort gibt. Im Austausch mit Olivia Röllin erläutert Bruder David, warum man Dinge immer wieder so tun sollte, als wäre es das erste Mal, weshalb man nicht nur einmal stirbt und dies nie das Ende bedeutet und warum ein Leben mit Besitz und Reichtum ihn nicht zu reizen vermochte.“
„Dankbarkeit ist naiv“¶
Einer der Kommentare war kritisch-ungläubig:
Dieser Mann hat scheinbar noch nichts richtig Böses erlebt. Die Seele kann durch ein traumatisches Erlebnis so tief verletzt und blockiert sein, dass man nicht „in jeder Situation“ dankbar sein kann, auch wenn man vielleicht dankbar sein möchte.
Er bekam eine Serie von Antworten, zum Beispiel:
Aus seiner Biographie weiss man, daß er in seiner Jugend schreckliches erlebt hat! Es ist eine Frage der Sichtweise, sicher ein großer Schritt!
Heilung ist möglich durch Vergebung, und dann ist der Weg offen zu Dankbarkeit für den jetztigen Moment. Ohne Vergebung wird das Leiden nie wirklich aufhören, und Aufmerksamkeit für den jetzigen Moment hilft die Vergebung näher zu bringen.
Ich denke, dass nicht das Entscheidende ist, immer und in jedem Augenblick dankbar, achtsam und was auch immer zu sein. Richtig ist, dass Traumata vieles blockieren. Es geht darum, einen heilsamen Weg zu suchen, mit diesen traumatischen Erfahrungen zu leben. Die Richtung ist entscheidend. Dabei kann Meditation eine Menge helfen. Man kann auch von Gewahrsein sprechen. Das ist nicht immer möglich, aber einen dankbaren, achtsamen Geist zu kultivieren, wie die Buddhisten es ausdrücken (denn nichts anderes bedeutet Meditation ursprünglich), ist sicher sehr heilsam.
Transskript¶
Ich fand das Interview so gut, dass ich anschließend ein Transskript davon gemacht habe. Mein Transskript habe ich aber noch nicht öffentlicht, weil ich nicht weiß, ob ich das darf…
Einleitung: Gott ein Vater, Maria eine Jungfrau, die Auferstehung der Toten, das ewige Leben. Das sind wichtige Aussagen des christlichen Glaubens. Aber sind sie noch zeitgemäß? Ja, sehr wohl, findet David Steindl-Rast. Steindl-Rast ist ein inzwischen wohlbekannter Benediktinermönch, für viele eine Art spiritueller Star. Er selber ist bescheiden und nimmt den Rummel um ihn locker. David Steindl-Rast ist 1926 in Wien geboren und lebt seit den 50er Jahren in den Vereinigten Staaten. Er gehört zu den Pionieren des buddhistisch christlichen Dialogs und praktiziert seit Jahren Senmeditation. Jetzt legt er ein Buch vor über das christliche Glaubensbekenntnis. Das hat Norbert Bischofberger gereizt und er hat den buddhistischen Christen zum Gespräch geladen.
N: Herzlich willkommen, Bruder David Steindl-Rast.
D: Danke Herr Bischofberger, eine Freude hier zu sein.
N: Warum ist denn Dankbarkeit ein so wichtiges Thema für die heutige Zeit?
D: Das Wichtigste an der Dankbarkeit scheint mir zu sein, dass sie uns so viel mehr Lebensfreude schenkt. Menschen, die dankbar sind, genießen das Leben so viel mehr. Wir halten sozusagen den Schlüssel zur Freude in unseren eigenen Händen, und der heißt Dankbarkeit. Denn wenn wir nicht dankbar sind, können wir gar nicht würdigen, was uns alles geschenkt wird. Wir leben in einer geschenkten Welt, in einer gegebenen Welt, in einem gegebenen Augenblick. Also ist die richtige Antwort darauf Dankbarkeit.
N: Ist Dankbarkeit nicht ein schwieriger Begriff, z.B. für Menschen, die krank sind, oder die arm sind, am Rand der Gesellschaft?
D: Das ist eigentlich das Schwierigste daran: die Frage „kann man für alles dankbar sein?“ Und die Antwort ist: Nein, man kann nicht für alles dankbar sein, aber man kann in jeder Situation dankbar sein. Also Dankbarkeit ist immer Dankbarkeit für Gelegenheit. Das ist das Stichwort. Und meistens sind wir dankbar für die Gelegenheit, uns an etwas zu freuen. Und wenn wir nicht dankbar sind, freuen wir uns daran gar nicht, sondern sind nehmen es einfach als gegeben hin. Wenn wir aber in Übung sind und uns an der Gelegenheit uns zu freuen wirklich freuen können, dann sind wir auch in Augenblicken dankbar, in denen es wirklich schwierig wird und in denen uns etwas begegnet, wofür man nicht dankbar sein kann. Zum Beispiel Krieg oder Krankheit, wie Sie gesagt haben, oder der Verlust von Nahestehenden. Dafür kann man nicht dankbar sein. Aber in diesen Augenblicken kann man sich fragen „und wozu gibt mir das jetzt Gelegenheit?“ Und es gibt uns immer Gelegenheit, meistens etwas Neues zu lernen. Das Leben gibt uns immer Gelegenheiten. Es ist nie eine Sackgasse.
N: Und was hat Dankbarkeit mit Gott oder mit Religion zu tun?
D: Es öffnet uns dazu, im Augenblick zu leben. Man kann für die Vergangenheit dankbar sein und für Zukünftiges schon im Voraus dankbar sein. Aber man kann nicht in der Zukunft oder in der Vergangenheit dankbar sein. Man ist immer im Augenblick dankbar. Und wenn man im Augenblick lebt, dann lebt man schon in der Gegenwart Gottes. Denn die Gegenwart, also das, was uns entgegenwartet, ist das Göttliche.
N: Sie sagen das mit viel Autorität. Wofür sind Sie persönlich denn dankbar?
D: Augenblick für Augenblick. Für was immer kommt. So, jetzt im Augenblick bin ich dafür dankbar, dass wir miteinander sprechen können, dass ich einen interessanten Gesprächsparten habe, dass wir an einem so wunderschönen hölzernen Tisch sitzen, dass wir reines Wasser haben, das man trinken kann. Ich reise manchmal in Ländern, wo man das Wasser nicht trinken kann. oder überhaupt kein Wasser findet. Für alles, was immer der gegenwärtige Augenblick bringt. Nur atmen zu können.
N: Vielleicht ein Wort zu ihrer Geschichte? Sie sind 1926 in Wien geboren und haben dann Kunst studiert, dann auch Pädagogik. Sie haben in Psychologie dann promoviert und sind dann in die Vereinigten Staaten gegangen. 1953 sind sie dort in ein Benediktinerkloster eingetreten im Nordwesten des Bundesstaates New York. Sie haben sich für den interreligiösen Dialog stark interessiert und sich dort auch spezialisiert, insbesondere für den Dialog Christentum-Buddhismus. Sie haben sich vertraut gemacht mit der Tradition des Zen-Buddhismus. Das war in den 60er Jahren, also das liegt schon weit zurück. Was waren denn damals die Hoffnungen auf diesem Weg in dieser Begegnung?
D: Eigentlich nicht so sehr ein Blick auf die Zukunft, Hoffnung auf die Zukunft, sondern einfach Hoffnung im Sinne von Offenheit für Überraschung. Das war so eine richtig offene Zeit, wo alles passieren konnte. Man hat sich einfach auf das neue eingelassen, was natürlich, wenn man jünger ist, auch noch leichter ist. Und zu der Zeit, ich wollte eigentlich gar nicht aus dem Kloster heraus oder mich überhaupt auf Dialog einlassen, ich war sehr glücklich im Kloster, aber ich wurde öfters vom Abt hinausgeschickt, um Vorträge zu halten. Und da waren plötzlich diese anderen Mönche da, die es man vorher noch nicht gekannt hat, buddhistische Mönche, Hindus, Swamis und so weiter. Und dann musste ich mich informieren: Sind das wirklich Mönche? und so. Und da habe ich dann entdeckt, dass uns das Mönchische, also die Suche nach dem Wieder-im-gegenwärtigen-Augenblick-zu-Leben, uns so eng verbindet, alle verschiedenen Mönche, dass wir einander näher standen als unseren eigenen Religionsgenossen, die nicht Mönche waren.
N: Wie schauen Sie jetzt auf diese Entwicklung in den letzten Jahrzehnten, wo doch die Beschäftigung mit Buddhismus auch eine Mode geworden ist?
D: Ja, natürlich, das alles kann immer ein Trend und eine Mode werden, aber ich sehe schon große Fortschritte hier. Denn wenn wir für etwas offen sind, für eine Tradition offen sind, sind wir dann langsam auch für alle anderen offen. Und das kann eine große Hilfe sein. Es nimmt uns die Scheuklappen weg. Wir scheuen uns dann nicht vor dem Fremden.
N: Und was hat sich denn für Sie verändert in Ihrem Christentum, durch diese Begegnung?
D: Also, ich muss sagen, ich habe ganz neue Dimensionen des Christlichen entdeckt. Nicht etwas Fremdes oder nicht etwas Zusätzliches, aber etwas innerhalb des Christentums, was wir selber nicht so ausgelotet haben. Und das ist also christlich gesprochen Dimension dieses unermesslichen Geheimnisses, das wir mit Jesus Christus „Vater“ nennen. Unsere Theologie ist hauptsächlich Christologie, der Schwerpunkt liegt auf Christologie. Oder auch das Wort, das Logos und so weiter, darum heißt es auch Theologie. Was dem Vater entspräche, wäre das Schweigen. Und das haben eben die Buddhisten kultiviert.
N: Aber ein Akzent, den es ja gibt im Mönchtstum z.B. oder?
D: Der im Mönchsein sehr nahe liegt. Die Stille und das Schweigen wird ja von den Mönchen auch in allen Traditionen sehr geübt. Aber darüber lässt sich auch gar nicht so viel sagen, sondern C.S. Lewis, ein christlicher Schriftsteller und Denker hat das so ausgedrückt: Wenn wir unsere Gedanken in diesen Abgrund hinablassen, den wir Gott nennen, dann können wir das für immer und immer tun, ohne dass je ein Echo zurückkommen wird. Und doch ist dieser Abgrund der fruchtbare Schoß des „Wortes, aus dem alles hervorkommt“, das „Es, das alles gibt“. Wenn wir sagen „Es gibt das“, dieses „Es“ ist dieses Geheimnis.
Und zu diesem Es können wir dann auch als Christen, und das ist das unterscheidet uns von den Buddhisten, eine ganz persönliche Beziehung haben.
N: Also eine schon fast mystische Dimension
D: Ja, die sie mystische Dimension gehört zum Christendum der Zukunft dazu. Karl Rahner, der große Theologe des 20. Jahrhunderts hat gesagt, der Christ der Zukunft wird Mystiker sein, oder wir haben überhaupt keine Zukunft.
N: Jetzt lernen wir diesen weltoffenen religionsbewanderten Bruder David Steindl-Rast kennen. Das neueste Buch, das Sie vorlegen, „Credo“ der Titel, ein Glaube, der alle vereint, aber sie schreiben ein Buch über das Apostolikum, also das apostolische Glaubensbekenntnis. Das ist ein christliches Glaubensbekennis, das zurückgeht auf eine alte Formel aus dem zweiten Jahrhundert. Ist das eine späte Rückkehr zum Christentum?
D: Das apostolische Glaubensbekenntnis wird natürlich auch jetzt noch in jeder Messe gebetet, mehr und mehr, bis vor ein oder zwei Jahrzehnten wurde ein späteres Glaubensbekenntnis öfters verwendet. Aber heutzutage finde ich in allen verschiedenen Kirchen, dass das sogar in Amerika und hier in Europa, mehr und mehr das apostolische Glaubensbekennis, das ein Taufbekenntnis war. Und ich habe das deshalb gewählt, weil wir im interreligiösen Dialog immer dazu neigen, Texte zu zitieren, die der andere leicht verstehen kann und mit dem jeder übereinstimmt, z.B. „Liebe deinen Nächsten“, jeder sagt das, das ist kein Problem. Aber wenn man zu etwas ganz spezifisch Christlichen kommt, wollte ich mal ausprobieren, ob das eben auch in dnm Dialog hineinpasst.
N: Also, das ist eben nicht ihre späte Heimkehr ins Christentum.
D: Nein, das ist es nicht, sondern es ist ein Vorangehen. Ich war immer ganz fest im Christentum verwurzelt. Es war keine Schwierigkeit. In einem Dialog mit einem Zenmeister hat der einmal vorgeschlagen „vielleicht kannst du jetzt, nur für die Zeit unseres Gespräches, dir vorstellen, dass alle deine christlichen Überzeugungen falsch sind“, und da habe ich gesagt, „Ja, warum nicht, das versuche ich gern in einem Gespräch“, und habe mich sehr bemüht, und es ist mir nicht gelungen. Da musste ich sagen „Das kann ich einfach nicht“.
N: Also ist dann doch immer ein „Aber“ dabei.
D: Ja. Ja.
N: Dieses Credo, dieses Glaubensbekennis, das Apostolikum, das fängt ja an „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn“. Also, das klingt schon etwas antiquiert, sage ich jetzt, ohne das abwertend zu meinen. Wie können Sie jetzt mit gutem Gewissen als ein Vertreter einer pluralistischen Religionstheologie, also wo Sie die großen Weltreligionen auf einer Ebene sehen, so eine alte Formel heranziehen und auslegen?
D: Also, ich würde sagen, das christliche Credo ist der christliche Ausdruck von einem tiefen menschlichen Glauben, der sich im Buddhismus ganz anders ausdrückt, der sich im Hinduismus ganz anders ausdrückt und in jeder Tradition. Und die christliche Form dieses tiefen menschlichen Lebensvertrauens, dieses Lebensmutes, der letztlich auf Gott hin zielt, das ist im Credo gut ausgedrückt und gut zusammengefasst. Und drum nehme ich jeden Satz des Credo und frage: was heißt es eigentlich und woher wissen wir es? Das heißt nicht, weil irgendjemand anders uns gesagt hat, sondern wie verbindet sich das mit unserem eigenen echten menschlichen Verständnis? Wie wächst es aus unserem menschlichen Verständnis heraus?
N: Aber wie ist jetzt z.B. Gott Vater angesichts einer langen Tradition bereits der feministischen Theologie.
D: Ja, also da muss man immer wieder dazu sagen, und das ist ein gutes Beispiel, wir würden es heute nicht mehr so sagen. Wir würden heute z.B. Mutter sagen. Der Grund, warum wir immer noch Vater sagen, ist: weil wir die Tradition ehren und diese bestimmte Formel beibehalten, aber es kostet uns schon etwas, da durchzuschauen, und wir müssten hin und wieder auch „Mutter“ sagen, um das ins Gleichgewicht zu bringen. Aber wir sagen „Vater“, weil Jesus diesen Ausdruck verwendet hat, und es ist ganz typisch christlich, bis man dorthinommt. „Ich glaube“, das ist noch ganz allgemein menschlich. „Ich glaube an Gott“, da kommt schon das Theistische herein und „Ich glaube an Gott, den Vater“, da kommt dann schon das ganz spezifisch Christliche herein.
N: Spätestens bei eben Jesus, dem Sohn Gottes
D: Bei „Sohn“ könnte man auch wieder sagen „Sohn, Tochter, wir sind alle Kinder Gottes“ und der „Herr“, aber das ist wieder so ausgedrückt Sohn Gottes. Die Formeln sind ganz entschieden veraltet, aber wir schätzen auch in der Familie althergebrachte Gegenstände und so weiter, obwohl sie alt sind, obwohl wir sie heutzutage nicht mehr so machen würden, aber sie haben etwas Ehrwürdiges, weil schon unsere Vorfahren sie so verwendet haben.
N: Ihre Freiheit im Umgang mit der Formel in Ehren. Aber es heißt doch eben Jesus, der Sohn Gottes, der sagt auch von sich, ich bin der Weg, die Wahrheit, ich bin das Leben. Wie geht denn das überein mit einem interreligiösen Verständnis?
D: Da müssen wir „Jesus Christus“ sagen. Wir im Credo heißt es ja ausdrücklich „und an Jesus Christus“. Und das hält diese beiden Pole zusammen. Einerseits Jesus, eine geschichtliche Figur, andererseits Christus. Und Christus steht für die göttliche Wirklichkeit in uns, in jedem von uns. Und in diesem Sinn war Jesus völlig Christus, aber er hat die Christuswirklichkeit nicht erschöpft. Und das ist christliche Tradition, denn sogar Paulus schreibt schon, dass wir in unseren Leiden das auffüllen, was am Leiden Christi fehlt, um es zu vervollständigen. Also, Jesus war völlig Christus und jeder von uns, der sich Christ nennt, lebt diese Wirklichkeit auf eine neue Weise, denn sie ist unerschöpflich. Und das gilt auch für Menschen, die den Ausdruck „Christus“ nicht verwenden wollen.
Was wir die Christuswirklichkeit nennen, würden die Buddhisten die Buddhanatur nennen, die in Ihnen ist. Und andere Traditionen haben andere Ausdrücke dafür.
N: Also eben, wie Sie so bei der Interpretation dann fortgeschritten sind zu so Begriffen wie Jungfrau Maria gekommen sind, haben Sie da nicht gesagt „Das ist ein mutiges Unternehmen, was ich mir vorgenommen hab?“
D: Nein, denn da geht’s dann wieder um den Heiligen Geist, und das ist das dynamische Element, der Lebensartem, die Kreativität, die Liebe, die Wissbegierde, alles was kreativ ist an unserem Leben und dynamisch. Und von dem heißt es einerseits, dass Jesus Christus empfangen ist vom Heiligen Geist, also dass er Ausdruck dieses göttlichen Geistes ist. Paulus sagt aus der Herr ist der Geist, also völlig Ausdruck des Geistes, und dass auch der Christus in uns immer jungfreulich empfangen werden muss. Das heißt ganz neu, immer wieder neu, so wie wir von jungfräulichem Schnee sprechen, auf dem noch keine Skispuren sind oder ein jungfräulich reines Blatt Papier. Der jungfräuliche Geist, der immer offen für das Neue ist, empfängt diesen Geist. Und da kommt dann gleich dazu „gelitten unter Pontius Pilatus“, denn die beiden Begriffe gehören zusammen. Wer wirklich nach dem Geist Gottes lebt, wird Verfolgung leiden. Und der Pontius Pilatus hat viele Formen, bis in unsere heutige Zeit.
N: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ oder? Dann „die Auferstehung von den Toten“, das „ewige Leben“, also ich schreite jetzt schnell voran, können Sie uns eine Übersicht geben, wie Sie die Eschatologie, also diese Lehre von den letzten Dingen, des Jenseits, verstehen?
D: Also das Sterben dürfen wir so verstehen, dass für uns die Zeit um ist. Ich muss sterben, wenn meine Zeit um ist. Und da bleibt dann nichts übrig als das Jetzt. Aber dieses Jetzt ist die Ewigkeit. Also „nach dem Tod“ oder „den Tod überleben“ oder so, das ist nicht günstig ausgedrückt. Wir haben in uns schon jetzt das, was dem Tod nicht unterliegt und das ist diese Christuswirklichkeit in uns, und davon sprechen wir in dem Zusammenhang. Also, wenn meine Zeit um ist, dann bleibt nichts mehr von Zeit über, nicht mehr vergangenen Zukunft, sondern nur das Jetzt. Aber das Jetzt hat keine Mehrzahl. Und so habe ich also in diesem Jetzt jedes Jetzt meines ganzen Lebens, und nachdem alles mit allem zusammenhängt, habe ich die ganze Geschichte, die ganze Welt. Und so ist ja auch wie Augustinus die Ewigkeit formuliert: das Jetzt, das Bestand hat, das Jetzt, das nicht vergeht.
N: Gibt es einen Kontakt mit verstorbenen Menschen?
D: Anscheinend ja. Wir haben sehr viele Berichte. Wissenschaftlich lässt sich nichts sagen, aber nachdem auch jetzt unser Kontakt über Zeit hinausgeht, wenn wir verliebt sind, wenn wir wirklich jemand lieben, wissen wir, dass das Ewigkeit will, jede Lust will Ewigkeit, dass es über die Zeit hinausgeht. Das ist uns eingeboren und daher, wenn die Zeit um ist, spielt es keine solche große Rolle. Die körperliche Gegenwart ist uns dann nicht mehr gegeben, aber doch die Gegenwart kann bleiben.
N: Ich frag, weil Sie zeigen jetzt eine sehr moderne Eschatologie, die eben gelernt hat von der Religionskritik, die sagt, wir können gar keine Raum- und Zeitkategorien anwenden auf ein Jenseits, wir können gar nicht vernünftig darüber sprechen mit unseren Kategorien. Gleichwohl hat in der christlichen Tradition immer diese Rede von der Hölle und vom Himmel und von ganz greifbaren Realitäten im Jenseits eine große Rolle gespielt, auch heute noch in vielen christlichen Traditionen. Wie erklären Sie sich denn das? Was ist denn da schief gelaufen?
D: Was eigentlich schief gelaufen ist, ist, dass man dichterische Ausdrücke wörtlich nimmt und das darf man nicht und kann man nicht. Äh und dass man glaubt, dass dichterische Ausdrücke weniger Wahrheit enthalten. Das ist ja nur Dichtung. Äh im Gegenteil, Dichtung enthält so viel Wahrheit, dass kein andere Ausdrucksform so viel Wahrheit aussprechen kann. Und wenn wir ganz begeistert sind und voll leben, dann drücken wir uns auch plötzlich dichterisch aus. Wenn wir zu unserem Freund, unserer Freundin sagen „ich schenke dir mein Herz“, dann ist damit wirklich etwas gemeint und die andere versteht das auch, aber mit Herzchirurgie hat das nichts zu tun. Es geht darüber weit hinaus. Und so ist das auch mit allen religiösen Ausdrücken. Weil es sich um das Unaussprechliche handelt, äh kann man es nur in Dichtung aussprechen. Und wenn man diese Dichtung jetzt wörtlich nimmt, so wie Himmel, Hölle und so weiter, vergegenständlicht, dann verläuft man sich da in Widersprüche.
N: Wie haben Sie jetzt dieses Thema Tod und Jenseits im Buddhismus erlebt, wo von zyklischen Realitäten oder von Reinkarnation die Rede ist?
D: Ich habe mit Reinkarnation Schwierigkeiten gehabt, natürlich, vom Christlichen her kommend, und habe mich daher wirklich damit auseinandersetzen müssen und habe die Gelegenheit gehabt, mit Samtung Tul Gurimche, der jetzt, ich glaube sowas wie Außenminister ist für den Dalai Lama, wie er noch Direktor von dem buddhistischen Zentrum für höhere buddhistische Studien war in Sarahnat, hat er mich eingeladen einen ganzen Tag mit ihm zu verbringen und wir haben nur über Reinkarnation gesprochen, und er hat das mir so dargestellt, dass ich klar sehen konnte, das ist völlig vereinbar mit christlichem Glauben, aber es ist kaum vereinbar mit dem, was die meisten Menschen im Westen unter Reinkarnation verstehen, denn sie wollen, dass ihr kleines Ich da verewigt wird und immer wiederkommt. Und dieses kleine Ich ist nur ein Irrtum, ist nur eine Täuschung. Das Selbst, das sich mit diesem kleinen Ich da identifiziert, das ist unsere wahre Wirklichkeit. Und bei den Buddhisten ist es auch das Selbst, das sich in verschiedenen Formen ausdrückt. Aber dasselbe passiert auch den Buddhisten, dass dichterische Aussagen dann wörtlich genommen werden.
N: Ich hab das mal so gehört, dass es eben wie eine Energie ist, die von einer Flamme zu einer nächsten weitergeht.
D: So verstehen es auch die Buddhisten, richtig verstanden. Übrigens, wie ich das Christentum darstelle, hat dem Dalai Lama auch sehr gut gefallen. Und er hat sogar gesagt „Da musst du drüber schreiben“. Und habe ich gesagt „Ja, wenn ihre Heiligkeit dazu ein Vorwort schreiben würde“, und er hat dann wirklich ein Vorwort für dieses Buch geschrieben.
N: Es heißt in der Regel des Heiligen Benedikts, des Ordensgründers, zu dessen Orden sie gehören. Ganz am Anfang in der Benediktregel aus dem sechsten Jahrhundert: „Neige das Ohr deines Herzens.“ Was bedeutet dieser Satz?
D: Das geht auf die biblische Vorstellung zurück, dass Gott spricht. Gott spricht uns an. Das ist natürlich wieder eine dichterische Ausdrucksform, aber für ein tiefes Erlebnis. Ja, von einem der großen hassidischen Rabbis wird gesagt, dass er nie eine Predigt von seinem Lehrer gehört hat, denn wenn sein Lehrer die Thorarolle entfaltet hat und gesagt hat „Gott sprach“, da war das schon zu viel für ihn, da war er schon in Ektase, und man musste ihn hinausführen und er stand auf dem Gang oder irgendwo und hat gegen die Wände geschlagen und gesagt „Ja, Gott spricht! Spricht! Stell dir das nur vor!“. Und das heißt, dass alles, was es gibt, ein Wort Gottes ist. Sie sind jetzt für mich Wort Gottes, wenn wir miteinander sprechen. Wenn ich ein Glas Wasser trinke, ist es Wort Gottes. Das Wasser spricht mich an, dagt mir etwas, was man nur in Wassersprache sagen kann. Und wenn ich eine Erdbeere esse, ist es in Erdbeersprache Gott. Es hat nur eines zu uns zu sagen, dass ich liebe, ich liebe dich, ich liebe die ganze Welt. Aber so wie Liebende sich das nicht nur einmal sagen und nach 25 Jahren sagen, ja du das ja schon vor 25 Jahren gesagt, ich liebe dich, sondern immer wieder in immer neuen Formen. So sagt Gott es zu uns in immer neuen Formen.
N: Also Sie haben jetzt die gleichen Beispiele wie für die Dankbarkeit verwendet. Da sind wir wohl wieder bei der Dankbarkeit. Wäre das auch das Thema, wo Sie sagen würden „neige das Ohr deines Herzens, das gilt nicht nur für Mönche, für Ordensfrauen, das gilt auch für Menschen in einer modernen Gesellschaft“?
D: Gilt für uns alle. Und es heißt einfach dieses Hinhorchen auf „Was sagt mir Gott jetzt in dieser Situation? In diesem Augenblick. Etwas ganz Neues. Dieses innere Hinhorchen, diese innere Offenheit. Ja. darum geht es.
N: Wie unterscheiden Sie das von, ich sage jetzt nicht gerade dem, was der Teufel sagt, aber von dem, was nicht von Gott ist?
D: Nur dadurch, dass wir uns nicht fürchten. Wenn wir uns nicht fürchten, kann der Teufel uns nichts anhaben.
Das wurde von den Kirchenvätern schon mit einem bissigen Hund verglichen und der ist aber an einer Leine, der ist angefesselt, der kann uns nichts anhaben. Aber in dem Augenblick, wo wir uns fürchten, schneiden wir die Leine durch. Furcht ist das Messer, dass die Leine durchschneidet. Und solange wir uns nicht fürchten, kann auch das Furchterregendste oder das Gefährlichste oder sogar das Schädlichste uns nicht schaden.
N: Neigen wir das Ohr unseres Herzens. Bruder David Steinelast, herzlichen Dank für dieses Gespräch. Auch mich hat sehr gefreut und ich danke Ihnen.
Outro: Dieses Gespräch mit Pater David Steinelrast gibt es auf DVD. Bestellen können Sie, wenn Sie wollen, wie immer hier: Schweizer Fernsehen Redaktion Sternstunden 8052 Zürich. Ihre E-Mail erreicht uns unter <sternkopien@sf.tv>. Einen Hinweis auf das Buch unseres Gastes finden Sie auf unserer Website unter der eingeblendeten Adresse.