Die große Spaltung?

Es gibt zwei Arten von Christen, zwei grundverschiedene Auffassungen von Kirche. Hier meine persönliche Sammlung von Unterscheidungsmerkmalen.

Die zwei Arten Christen
Humanisten, Liberale Evangelikale, Gesetzesorientierte
Aufgabe der Kirche ist Verkündigung Aufgabe der Kirche ist Lehre
Die Frohe Botschaft ergeht an alle Völker. Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.
Gott ist barmherzig. Kirche muss Frohbotschaft statt Drohbotschaft verkünden, Wunden heilen statt moralisieren. Gott ist gerecht. Bei aller Barmherzigkeit dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass Gott die Welt am Ende richten wird.
Wir wissen fast nichts über Gott. Wir wissen sehr viel über Gott.
Wir haben den Heiligen Geist. Gottes Wort ist Mensch geworden, nicht Buch. Wir haben die Heilige Schrift, das Wort Gottes, als zuverlässige und höchste Autorität in allen Glaubensfragen. .. [1]
Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht umgekehrt Gottes Gesetz ist ewig und wurde uns in der Bibel offenbart. Wer dagegen verstößt, ist ein Sünder. Toleranz gegenüber Sündern muss Grenzen haben.
Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. Liebt eure Feinde, aber lasst euch nicht von ihnen den Kopf abschlagen.
Gottes Erbarmen ist unermesslich und wir haben nicht das Recht, es einzugrenzen. Falsch verstandenes „Erbarmen“ mit LGBT-Aktivisten und Terroristen birgt die Gefahr, Sünden gut zu heißen und Gottes Willen zu untergraben.

Dass Christen sich –wie alle Menschen– in vielen Fragen uneinig sind, ist nichts Neues. Nichts gegen Einheit in Vielfalt, aber wenn ich sehe, wie diese beiden Lager sich einander die Köpfe einschlagen und wild aufeinander losgehen, dann denke ich manchmal: Diese beiden Auffassungen von Kirche sind nicht miteinander kompatibel, die passen nicht ins gleiche Boot. Wenn Christsein das bedeutet (was ich rechts stehen habe), dann will ich kein Christ sein. Wenn wir wollen, dass die Kirche überlebt, dann müssen wir uns klar von solchen veralteten Vorstellungen auf der rechten Seite distanzieren. Steht den Christen eine große Spaltung quer durch die Konfessionen hindurch bevor?

Paul Zulehner ([Zul18]) spricht von einer neuen Grundmelodie der Pastoralkultur, die Papst Franziskus erstmals sehr deutlich angestimmt hat (siehe mein Blogeintrag Papst Franziskus lüftet kräftig). Franziskus ist auf der linken Seite meiner Tabelle, seine Kritiker auf der rechten.

Oder kann es sein, dass es diese beiden Auffassungen von Kirche schon immer gegeben hat und immer geben wird, und dass beide wichtig sind? Haben wir denn in Petrus und Paulus nicht ein glänzendes Vorbild dafür? Ist es ein naives Unterfangen, diese Fragen überhaupt mit einer links-rechts-Klassierung abhaken zu wollen?

Petrus und Paulus
Petrus Paulus
Spontan, impulsiv, emotional, kreativ Organisiert, systematisch, sachlich, bodenständig, verlässlich, beständig
Ruheloser Schwärmer Feiger Spießbürger
Fehler sind da, um draus zu lernen. Fehler sollte man vermeiden.

Fußnoten

[1]Siehe auch meinen Brief Was nun, Kirche? an den evangelikalen Theologen und Prediger Ulrich Parzany. Oder Rudolf Ebertshäuser: „Die Bibel ist das von Gottes Geist inspirierte und irrtumslose Wort Gottes; durch die Bibel redet der lebendige Gott zu uns Menschen, und Sein Wort ist die allein verbindliche Autorität für das Leben der gläubigen Christen.“