Die große Spaltung?

Es gibt zwei Arten von Christen, zwei grundverschiedene Auffassungen von Kirche. Hier meine persönliche Sammlung von Unterscheidungsmerkmalen.

Die zwei Arten Christen

Humanisten, Liberale

Evangelikale, Gesetzesorientierte

Aufgabe der Kirche ist Verkündigung

Aufgabe der Kirche ist Lehre

Die Frohe Botschaft ergeht an alle Völker.

Wer nicht an Jesus glaubt, kann nicht gerettet werden. Niemand kann Heil erlangen ohne Jesus. Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.

Gott ist barmherzig. Kirche muss Frohbotschaft statt Drohbotschaft verkünden, Wunden heilen statt moralisieren.

Gott ist gerecht. Bei aller Barmherzigkeit dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass Gott die Welt am Ende richten wird.

Wir haben den Heiligen Geist. Gottes Wort ist Mensch geworden, nicht Buch.

Wir haben die Heilige Schrift als zuverlässige Autorität in allen Glaubensfragen.

Gott vergibt unsere Sünden bedingungslos, deshalb müssen auch wir unserem Nächsten seine Sünden vergeben.

Gott vergibt unsere Sünden, wenn wir an Jesus glauben und uns bekehren.

Jesus musste als Lamm Gottes sterben, um uns von der Vorstellung zu befreien, dass Gott unsere Sünden anrechnet.

Jesus musste als Lamm Gottes sterben, weil wir Sünder sind.

Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht umgekehrt

Gottes Gesetz ist ewig und wurde uns in der Bibel offenbart. Wer dagegen verstößt, ist ein Sünder.

Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.

Kämpft furchtlos gegen die Feinde Gottes.

Gottes Erbarmen ist unermesslich und wir haben nicht das Recht, es einzugrenzen.

Falsch verstandenes Erbarmen birgt die Gefahr, Sünden gut zu heißen und Unkraut aufs Weizenfeld zu säen.

Papst Franziskus ist auf der linken Seite meiner Tabelle, seine Kritiker auf der rechten. 2 Evangelikale Autoren wie Ulrich Parzany oder Rudolf Ebertshäuser sind auf der rechten Seite. 1

Dass Christen sich –wie alle Menschen– in vielen Fragen uneinig sind, ist nichts Neues. Nichts gegen Einheit in Vielfalt, aber wenn ich diese beiden Lager sehe, dann denke ich manchmal: Diese beiden Auffassungen von Kirche sind nicht miteinander kompatibel, die passen nicht ins gleiche Boot. Wenn Christsein das bedeutet (was ich rechts stehen habe), dann will ich kein Christ sein. Wenn wir wollen, dass die Kirche überlebt, dann müssen wir uns klar von solchen veralteten Vorstellungen auf der rechten Seite distanzieren. Steht den Christen eine große Spaltung quer durch die Konfessionen hindurch bevor?

Oder ist es ein naives Unterfangen, diese Fragen mit einer links-rechts-Klassierung abhaken zu wollen? Kann es sein, dass es diese beiden Auffassungen von Kirche schon immer gegeben hat und immer geben wird, und dass beide wichtig sind? Haben wir denn in Petrus und Paulus nicht ein glänzendes Vorbild dafür?

Fußnoten

1

Siehe auch meinen Brief Was nun, Kirche? an den evangelikalen Theologen und Prediger Ulrich Parzany. Oder Rudolf Ebertshäuser: „Die Bibel ist das von Gottes Geist inspirierte und irrtumslose Wort Gottes; durch die Bibel redet der lebendige Gott zu uns Menschen, und Sein Wort ist die allein verbindliche Autorität für das Leben der gläubigen Christen.“

2

Paul Zulehner ([Zul18]) spricht von einer neuen Grundmelodie der Pastoralkultur, die Papst Franziskus erstmals sehr deutlich angestimmt hat (siehe mein Blogeintrag Papst Franziskus lüftet kräftig).