Was nun, Kirche?

Dienstag, 25. Juli 2017. Der evangelikale Theologe und Prediger Ulrich Parzany ruft in seinem soeben erschienenen Buch „Was nun, Kirche?“ zum Kampf auf. Wenn ich Theologe oder geistiger Führer wäre, würde ich zum Widerstand aufrufen. Mein offener Brief an den Autor nach der Leseprobe.

Sehr geehrter Ulrich Parzany,

in vielen Glaubensfragen sind wir uns einig, aber in einigen Punkten muss ich Ihnen vehement widersprechen. Sie schreiben „In den gegenwärtigen Auseinandersetzungen halten wir folgende Konkretion für nötig“, und dann geht es los! Ich zitiere und kommentiere die Punkte, die ich für unannehmbar halte:

  • „Wir bekennen uns zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung (Glaubensbasis der Evangelischen Allianz).“

    Fast jede Schrift über Glaubensfragen ist göttlich inspiriert. Andere Religionen haben ihre eigenen Heiligen Schriften. Die Bibel ist nicht *völlig* zuverlässig, man kann sie falsch verstehen und dann folglich falsche Ansichten daraus entwickeln. Deshalb brauchen Christen eine Institution Kirche als Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung. Die *höchste* Autorität ist das Gewissen jedes Einzelnen bei der Wahl seiner Kirche.

  • „Wir stehen dafür ein, dass die rettende Botschaft von Jesus Christus allen Menschen gilt, den Juden zuerst. (Römer 1,16). Wir widersprechen der falschen Lehre, es gäbe auch andere Wege zum Heil.“

    Ja, die Frohe Botschaft ist der einzige Weg zum Heil und deshalb ist es wichtig, sie zu verkünden, aber sie ist nicht unbedingt an Jesus Christus gebunden, sondern auch in anderen Religionen erfahrbar.

  • „Wir widersprechen der falschen Lehre, gleichgeschlechtliche Beziehungen entsprächen dem Willen Gottes und dürften von den Kirchen gesegnet werden.“

    Diese Formulierung ist diskriminierend gegen Menschen mit gestörter sexueller Identität oder Orientierung. Jesus stellte sich stets auf die Seite der Diskriminierten und notfalls gegen das Establishment. Wir haben nicht darüber zu urteilen, ob eine Beziehung zweier Menschen dem Willen Gottes entspricht oder nicht. Wir glauben, dass Gott alle Menschen segnet, die ihn und ihre Mitmenschen wie sich selbst lieben. Die Kirche hat nicht das Recht, Gottes Segen zu kontrollieren sondern die Pflicht, jedem einzelnen bei seiner Suche nach Gott behilflich zu sein.

Lieber Herr Parzany, Ihr Buch bringt die Gespaltenheit der Christen zum Ausdruck. Die Christenheit ist gespalten zwischen „evangelikalen“ Christen und „den anderen“. Die anderen –zu denen ich gehöre– haben noch nicht einmal einen richtigen Namen. Ich würde sie „rationale“ oder „vernünftige“ Christen nennen.

Herr Parzany, ich lade Sie ein, Vernunft anzunehmen. Wir vernünftigen Christen sollten uns endlich klar distanzieren von gewissen extremistischen antichristlichen Ideen, die die Frohe Botschaft verfälschen und auf die gelehrte, intelligente und wohlmeinende Christen wie Sie auch heute immer noch wieder reinfallen.

Sorry für meinen undiplomatischen und frechen Ton. Bedenken Sie, dass ich in Glaubensdingen nur ein Amateur bin und vieles vielleicht zu einfach sehe. Kann sein, dass ich mich irre. Falls Sie meine Denkfehler erkennen, dann lese oder höre ich gerne Ihren Rat, wie ich wieder auf den rechten Weg finde. En attendant bete ich wie folgt.

Lieber Gott, wir Menschen erklären dich mit vielen Theologien und beten dich an auf viele Arten, aber du bist einzig und dein Wort gilt für alle Völker und alle Zeiten. Du willst, dass wir dich in allen Sprachen loben und deine Frohe Botschaft allen Menschen verkünden. Wir beten für Herrn Parzany und mich: führe uns zu einem fruchtbaren Dialog. Hilf dem Herrn Parzany, seine Denkfehler zu erkennen und gib ihm den Mut zur Umkehr in diesen Glaubensfragen. Hilf mir, meine Denkfehler zu erkennen und umzukehren falls ich Falsches verkünde.

Luc Saffre, Vigala (Estland), im Juli 2017