Warum ich Facebook verlassen habe

Warum ich mein Facebook-Konto gelöscht habe? Eine komplexe Frage! Kurze Antwort: Was nur auf Facebook existiert, davon will ich nichts wissen. Ich versuche mal, diesen Slogan zu erklären.

Dorfgeschwätz

Wir Menschen haben ein natürliches Bedürfnis, mitzumischen im „Dorfgeschwätz“. Es hilft uns, auf dem Laufenden sein über das, was um uns herum geschieht. Das will ich auch gar nicht verurteilen.

Ich selbst habe zwar scheinbar weniger Bedürfnis als andere, immer auf dem Laufenden zu sein. Schon vor 20 Jahren, als ich mit dem Fernsehen aufhörte, sagte ich mir „Wenn was Wichtiges passiert, werde ich es bestimmt über meine Freunde erfahren.“

Deshalb nutzte ich Facebook de facto sowieso kaum. Schon bevor ich „draußen“ war, passierte es z.B. immer wieder, dass Ly „auf Facebook“ Dinge erfuhr, die mich sehr wohl interessierten und die einfach nicht mitbekommen hatte, weil ich mir nur wenig Zeit nahm, in diesem Informationsfluss mitzuschwimmen. Das passierte aber nicht nur „auf Facebook“, sondern auch in der Tagespresse. Wenn manche Menschen das Problem haben, dass sie süchtig geworden sind und zu viel Zeit auf Facebook verbringen, dann war das bei mir eindeutig nicht der Fall.

Was ich sagen will: wenn ich aus FB ausgetreten bin, dann ist das nicht weil ich das Phänomen des Dorfgeschwätzes verurteile. Im Gegenteil: ich glaube, das sind wichtige Komponenten unseres menschlichen Zusammenlebens. [1]

Dass ich selbst dabei an der Front nicht so aktiv bin, hat andere Gründe.

Die Technisierung der Menschheit

Manche Leute haben Angst vor Facebook, weil sie Angst vor dem Internet als solches haben. Auch zu dieser Art von Facebook-Verweigerern gehöre ich eindeutig nicht. Ich war einer der ersten Blogger in meiner Heimatstadt. Spätestens seit ich nach Estland ausgewandert bin existieren die meisten meiner alten Freundschaften nur noch dank des Internet. Also ich habe kein Problem damit, dass Dorfgeschwätz und Flurfunk sich mit zunehmender Technisierung mehr und mehr ins Internet verlagern.

Ein Lob auf Facebook

Facebook ist das bisher einzige soziale Netzwerk, das weltweit den Durchbruch geschafft hat. Facebook hat es erstmals geschafft, dass „jeder Doofe“ eine Nachricht mit Foto in einer Gruppe veröffentlichen, Diskussionsgruppen gründen und seine Meinung der Welt verkünden kann.

http://panneau-damour.blogspot.com.ee/2015/02/jai-fini-de-chier.html

Facebook hat auch einige wichtige Details wie den „Like“-Button und die Gesichtererkennung erstmals für die Massen nutzbar gemacht. Das alles gab es auch schon vor Facebook, aber es war einer gewissen Elite vorbehalten. Facebook hat Geld und menschliche Kompetenz investiert, um diese Dinge benutzerfreundlicher zu machen, und kassiert jetzt mächtig ab. Das ist doch ihr gutes Recht. Wer sollte es ihnen nicht gönnen! Ich zum Beispiel.

Wieso ich Facebook nicht mag

Mein Problem mit Facebook ist soziologisch-politischer Natur. Der wichtigste Grund für den Erfolg von FB die Tatsache, dass jeder dabei ist. FB hat enormen Einfluss auf unsere Gesellschaft. FB ist mächtig und stark. Unheimlich mächtig und stark.

Wenn wir Menschen unkontrolliert miteinander reden, dann unterliegt unser guter Wille (Nächstenliebe, Wahrheitssuche, Friedensstiftung) manchmal unserer Lust auf Erfolg und Popularität. Das kann passieren. Dadurch kann Schaden entstehen. Damit leben wir seit Menschengedenken. Alles kein Problem.

Das Problem ist, dass Facebook von unserer Lust auf Erfolg und Popularität profitiert und die Wahrheitssuche dabei unterdrückt.

Gaël Varoquaux nennt in seinem Blogeintrag [2] einige Beobachtungen, die ein bisschen fundierter erklären, weshalb das ein Problem für die Menschheit ist.

Facebook ist eine in sich geschlossene Welt. Die Firma achtet genau darauf, dass die dort gespeicherten Informationen möglichst auf ihren Servern bleiben. Facebook ist also auch ein Käfig. Oder vielleicht eher einer jener Kuhställe mit Freilauf, aus denen die Kühe gar nicht mehr raus wollen. Man ist in Facebook gefangen, weil man gar nicht raus will. Ich habe diesen goldenen Kuhstall immer mit einem gewissen Zaudern betreten.

Fußnoten

[1]Siehe z.B. die Wikipedia-Artikel über Geschwätz, Flurfunk, Gerüchteküche
[2]Gaël Varoquaux: Data science instrumenting social media for advertising is responsible for todays politics

Externe Referenzen

  • How to Quit Facebook <http://www.wikihow.com/Quit-Facebook>