Luc und Iiris in Eupen

Hallo Freunde,

Iiris und ich haben neun erlebnisreiche Tage in Ostbelgien verbracht. Hier ein kleiner Bericht.

Fotos

Die Reise verlief problemlos. Ly und Mari fuhren mit nach Tallinn, um zu winken. Das Seewasseraquarium im Tallinner Flughafen ist doch immer wieder faszinierend.

Die ersten beiden Tage in Eupen waren dem Ankommen gewidmet. Iiris und ich konnten uns davon überzeugen, dass meine Eltern immer noch die Alten sind. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Trotz der größer werdenden Last ihres Freundes Parkinson schaffen sie es immer noch, gemeinsam im Farunpark zu leben. Auch Onkel Bruno und Tante Anne sind ganz die Alten. Wir staunten, dass schon ein ganzes Jahr her war seit unserem letzten Besuch. Es ist schön, dass wir uns trotz der geografischen Distanz so nahe sein können.

Iiris durfte auch wieder eine Woche lang als Gastkind zur Pater-Damian-Grundschule gehen. Sie ist dabei nicht frei von Ängsten, aber fühlt sich doch im Grunde geborgen. Wenn ich sie brachte und abholte, waren diese Momente für mich jedesmal ein Feuerwerk der Erinnerungen und Begegnungen mit alten Freunden und Bekannte. Iiris’ Lehrerin Christiane schrieb zum Abschied ein positives Gutachten: “Sie war wirklich eine sehr angenehme Schülerin, sie ist schon sehr weit... Sie kann jederzeit wiederkommen.”

Eines war für Iiris ganz anders als in den Vorjahren, denn diesmal hatte sie eine Freundin in Eupen: Aurélie, 8 Jahre alt. Im Sommer 2014 auf der Hochzeit von Duche und Steffi hatten sie sich zum ersten Mal gesehen. Aurélies Vater ist ein alter Freund von mir. Aurélie hatte uns in diesem Jahr gleich zweimal in Vigala besucht (im Januar und Juli). Die beiden passen zusammen als wären sie füreinander geschaffen. Sie können stundenlang in seeliger Gleichmut miteinander spielen. Am Montag, Dienstag und Mittwoch verbrachten sie so ihren gesamten Feierabend miteinander. Ich lernte Aurélies Mutter kennen.

Und am Freitagabend fuhren wir sogar nach Trier, um Aurélies neugeborenes Halbbrüderchen zu besuchen. Zuerst mit dem Vennliner bis Sankt-Vith, wo Aurélies Vater uns abholte. Ich war noch nie in Trier gewesen. Und jetzt habe ich die Porta Nigra, die Kaiserthermen und sogar das Geburtshaus von Karl Marx gesehen.

Am nächsten Tag fuhr Aurélies Vater uns bis Heppenbach, wo wir einige schöne Stunden bei Günter und Erika verbrachten.

Schade natürlich, dass ich viele alte Freunde nicht besuchen konnte. Ich habe auch diesmal ganz bewusst meinerseits keine Besuche geplant, sondern alles dem Zufall überlassen. Damit war das Programm schon mehr als voll. Diesmal habe ich auch deutlich weniger Fotos als sonst gemacht. Viele wichtige Erlebnisse versinken also ohne Bild in den Ackerfeldern unserer jeweiligen Gedächtnisse: Schulfest am Heidberg, Besuch bei Onkel Bruno und Tante Joëlle, Familienmesse in Sankt Nikolaus, Tim-und-Struppi-Bücher aus der Pfarrbibliothek, Jahreskonzert des Cäcilienchors, Besuch im Haus Ephata, Termine mit Kunden und Geschäftspartnern, Spaziergang mit Yves, Besuch in Nispert, Besuch bei Duche und Steffi, Georg kommt uns besuchen, Onkel Patricks Grab, ...

Gedanken zur Flüchtlingskrise

Hauptthema bei vielen meiner Gespräche war die Flüchtlingskrise.

In Estland sind Flüchtlinge noch ein ganz junges Thema. Erst seit Januar 2014 gibt es hier ein Flüchtlingszentrum (in Vao, einem kleinen Dorf 30 Km von Rakvere und 120 Km von Tallinn), in dem ein paar Dutzend Leute wohnten. Die Tendenz ist freilich steigend. Anfang September lebten in Vao schon 85 Flüchtlinge, obwohl das Zentrum eigentlich nur für 35 konzipiert ist. Ein Brandanschlag auf das Wohnheim brachte die Problematik dann etwas mehr in die allgemeine Öffentlichkeit. Zum Glück wurde niemand verletzt, und zum Glück reagierten doch viele Esten mit Empörung. Insgesamt finde ich, dass Estland sein Bestes gibt, um solidarisch (aber nicht naiv) alle Einwanderungswilligen erfolgreich zu integrieren. Es gibt auch eine gut gemachte offizielle Informationsseite der Regierung zum Thema. Soweit meine Zusammenfassung der Lage in Estland nach Lektüre von Artikeln wie Pagulaskeskuse elanik: põlengukoha juures oli õlilaik (2015-09-02), Politico: Vao pagulaskeskuses palvetati Meka poole vales suunas (2015-09-02), Ammas: Vao keskuse süütamine on ilmselt vihakuritegu (2015-09-03), Vabatahtlikud aitavad Eestisse saabunud põgenikel siinsete oludega kohaneda (2015-09-18).

In Ostbelgien ist das Thema ja etwas akuter... Wenn ich das Grenz-Echo lese, finde ich hauptsächlich positive Reaktionen der Bevölkerung zum Thema. Die optimistischste Sicht hörte ich von einem Freund, der eine Datenbank-Webanwendung zur Vermittlung von Einwanderern und Hiesigen plant.

Aber auch in Ostbelgien ist es freilich nicht einfach. Die pessimistischste Sicht hörte ich von einem Freund, dessen Analysevermögen ich ohne Zögern bestätigen kann. Er sagt: Der Koran und der Islam mit ihrem Aufruf zur Gewalt und Eroberung der Welt sind eine Gefahr für die gesamte Menschheit. Die momentane Flut von Einwanderern macht große Bereiche der Terroristenkontrollen unwirksam. Wenn die Öffentlichkeit wüsste, was das für eine Gefahr ist, dann gäbe es eine Massenpanik! Ich teile seine Meinung nicht, aber ich kann seine Sorge nachvollziehen. Zum Beispiel der Schwertvers (“Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf!”) gibt auch mir zu denken. Erstens ist das verglichen mit der Bibel doch sehr explizit. Okay, auch unsere Kirche hat ja des öfteren manche Bibelstellen falsch interpretiert und ist zum Schluss gekommen, dass gewisse Dinge mit Gewalt durchgesetzt werden müssten. Aber das ist lange her, und besagte Bibelstellen musste man schon recht stark verbiegen, um daraus einen Aufruf zur Gewalt zu lesen. Die Bibel ist also eindeutig friedfertiger als der Koran. Und zweitens ist der Islam pedantischer als das Christentum in Bezug auf die Autorität seiner Heiligen Schrift. Da kann man sich schon mal Sorgen machen, ob nicht auch der friedfertigste Muslim im Ernstfall eher auf den Koran als auf sein Herz hört.

In die gleiche Richtung wie mein Eupener Freund fährt der amerikanische Biologe Edward Osborne Wilson, der im Januar ein Buch veröffentlichte, in dem er vorschlägt, alle Religionen zu eliminieren. Ich las das übrigens in einem estnischen Artikel.

Aber Papst Franziskus scheint solche Sorgen nicht zu teilen, oder zumindest hat er offenbar positive Antworten darauf. “Wir sind Brüder” sagte er über die anderen Religionen bei einer Generalaudienz Ende Oktober und dankte für die bedeutenden Fortschritte in den Beziehungen zu Juden und Muslimen. Damit bekräftigte er die kirchliche Wertschätzung anderer Religionen. Diese Haltung der Kirche steht eigentlich seit der Erklärung Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Trotzdem ist sie scheinbar noch weitgehend unbekannt. Zumindest unter denjenigen meiner Freunde, die der Kirche kritisch gegenüber stehen. Immer wieder höre ich, dass fast alle Kritik sich gegen ein vorkonziliarisches Bild der Kirche richtet. Hinter dieser Kirche könnte auch ich nicht stehen. Der Unterschied zwischen mir und euch ist also lediglich, dass ich es interessant finde, auch über Glaubensfragen nachzudenken und dabei selbst vor Liturgie und mystischer Sprache nicht zurückschrecke.

Noch Fragmente:

  • “Wo ist in einer säkularisierten Welt der Arbeit, die keine Bettelorden kennt und die das Almosengeben an die Sozialämter delegiert hat, Platz für die Lilien auf dem Felde?” fragt Alan Posener in einem Kommentar Seht die Lilien auf dem Felde: Sozialbetrüger.

  • Annika zeigte uns ein sehenswertes Video über die Ursachen der Flüchtlingskrise und des Krieges in Syrien: “The European Refugee Crises and Syria explained”

  • Schön gemacht und zum Nachdenken anregend ist ein inzwischen über 400 Seiten langer Web-Comic der schwedisch-finnischen Grafikerin Minna Sundberg mit dem Titel Stand Still. Stay Silent. . Laut dieser apokalyptischen Geschichte stirbt demnächst fast die gesamte Menschheit innerhalb weniger Monate durch eine Infektionskrankheit, und nur einige skandinavische Länder können sich rechtzeitig abschotten. Beunruhigend und stellenweise unrealistisch, aber eine gute geistige Übung.