Anfängerkurs Estnisch¶
Gelegentlich arbeite ich dran… ist noch lange nicht brauchbar.
Genitiv, Allativ und Co. – die Fälle¶
Im Estnischen gibt es 14 verschiedene Fälle. Das hört sich auf den ersten Blick vielleicht schlimm an, aber eigentlich ist es das gar nicht. Man muss sich bloß daran gewöhnen, dass es eben keine Präpositionen gibt, sondern dass stattdessen die Wörter mit allen möglichen Endungen versehen werden. Das Lästige daran ist, dass man neben dem Nominativ der Wörter auch immer mindestens den Genitiv und am besten auch noch den Allativ lernen muss. (Die anderen Fälle lassen sich dann immerhin nach einigermaßen logisc hen Regeln von einem dieser drei ableiten.)
Dekliniert werden übrigens nicht nur Substantive, sondern auch Adjektive, Personalpronomen und Zahlwörter.
Nominativ¶
Raamat on paks |
Das Buch ist dick |
Võta raamat! |
Nimm das Buch! |
Genitiv : wessen (…)¶
N.B. : Der Genitiv wird nicht nur im Possessivfall benutzt. Zum Beispiel gibt es im Estnischen ja keinen Akkusativ oder Dativ.
Ta ostab lehe |
Er kauft eine Zeitung. |
Raamatu kaaned on valged |
Die Deckel des Buches sind weiß |
Tõnu on Pireti sõber |
Tõnu ist Pirets Freund |
Partitiv : ein Teil von etwas sein¶
= Nominativ + (‚d‘ oder ‚t‘) (mit vielen Ausnahmen). Oft benutzt für die Objekte von bestimmten Verben. Immer für die Objekte von negativen Verben.
Auch immer für die Objekte von Zahlwörtern (wenn mehr als 1). Also das, was gezählt wird, erscheint im Partitiv. Viis tundi = fünf Stunden („fünf von den Stunden“)
Head aega! |
Tschüss! („Ich wünsche dir ein Stück guter Zeit“) |
Ta ei räägi eesti keelt |
Er spricht kein Estnisch |
Ta loeb lehte |
Er liest eine Zeitung (einen Teil davon) |
Sul on seitse raamatud |
Ich habe sieben Bücher |
Illativ : wohin?¶
Kurzform : wenn der letzte Konsonant im Nominativ einfach ist, dann wird dieser verdoppelt. Wenn er bereits doppelt ist, dann ist Illativ = Genitiv.
Langform : = Genitiv + „-sse“
Me läheme kinno |
Wir gehen ins Kino |
Me läheme Tartusse |
Wir gehen nach Tartu |
Ma kirjutan raamatusse pühenduse |
Ich schreibe eine Widmung in das Buch |
Inessiv : wo drin? worin? wo?¶
= Genitiv + „-s“
Me oleme kinos |
Wir sind im Kino |
Ma töötan Tallinna Kaubamajas. |
Ich arbeite im Kaufhaus von Tallinn. |
Ma õpin Tartu Ülikoolis. |
Ich studiere an der Universität von Tartu. |
Mitu päeva on nädalas? |
Wieviele Tage sind in der Woche? |
Mitu lehekülge on selles raamatus? |
Wieviele Seiten sind in diesem Buch? |
Elativ : woraus? woher?¶
= Genitiv + „-st“
minu meelest |
meiner Meinung nach |
Ta tuleb Tallinnast |
Er kommt aus Tallinn |
Ma töötan esmaspäevast reedeni |
Ich arbeite von montags bis freitags |
Ta loeb ette raamatust |
Er liest aus dem Buch vor |
See laud on puust |
Dieser Tisch ist aus Holz |
Allativ : an was? wohin?¶
= Genitiv + „-le“
Palun mulle üks kohv. Ja sulle? |
Bitte für mich einen Kaffee. Und für dich? |
Tõnu helistab Piretile. |
Tõnu ruft Piret an. |
Ma ütlen sulle |
Ich sage dir |
Ma panen raamatule paberi ümber |
Ich binde das Buch in Papier ein. |
Pane see laulale! |
Tu (setze, lege, stelle) es auf den Tisch! |
Adessiv : bei wem?¶
= Genitiv + „l“
minul on |
ich habe („bei mir ist“) |
Õhtul on huvitav film |
Am Abend ist ein interessanter Film |
Laual on klass vett |
Auf dem Tisch steht ein Glass Wasser |
Kas raamatul on paber ümber? |
„Hat das Buch Papier drum?“ |
Der Adessiv wird insbesondere auch benutzt, um das Verb „haben“, das es im Estnischen nicht gibt, zu ersetzen.
Ablativ : wovon? woher?¶
= Genitiv + „lt“
Kas see moos on sinu emalt? |
Ist diese Marmelade von deiner Mutter? |
Ma sain tädilt kingituse |
Ich bekam von der Tante ein Geschenk. |
Translativ : wozu? warum?¶
= Genitiv + „ks“
See sobiks hästi lauluks |
Das würde sich gut eignen als Lied |
Kartulid muutuvad külmas magusaks |
Kartoffeln in der Kälte werden süß |
energia elamiseks |
Energie zum Leben |
Terminativ : bis wohin?¶
= Genitiv + „ni“
Ma töötan esmaspäevast reedeni |
Ich arbeite von montags bis freitags. |
Essiv : als was?¶
= Genitiv + „na“
Ma ei ole seda raamatuna näinud |
Ich habe das nicht als Buch gesehen |
Ma tundsin end usust tühjana |
Ich fühlte mich wie leer von Glauben. |
Abessiv : ohne was?¶
= Genitiv + „ta“
Ta tuli kooli raamtuta |
Er kam ohne Buch zur Schule |
Ta tuli ilma raamtuta kooli |
Er kam ohne Buch zur Schule |
Zur Sicherheit wird das „ohne“ oft lieber doch noch mal explizit gesagt.
Komitativ : womit?¶
= Genitiv + „ga“
Kohv koorega |
Kaffee mit Sahne |
Ta tuleb koju sõbraga |
Er kommt nach Hause mit einem Freund |
Me läheme Tõnuga kinno |
Ich gehe mit Tõnu ins Kino |
Palun üks kohv – Koorega või ilma? |
Bitte einen Kaffee – Mit Sahne oder ohne? |
Koorega või kooreta? |
Mit Sahne oder sahnelos? |
Um „Wir gehen mit Tõnu ins Kino“ zu sagen, müsste man im Deutschen schon mindestens zu dritt sein.
N.B. Der Komitativ wird nicht auf Adjektive angewendet. Adjektive, deren Substantiv im Komitativ steht, bleiben stattdessen im Genitiv.
Ma räägin vana sõbraga |
Ich spreche mit einem alten Freund. |
Ta sõitis hilise rongiga |
Er fuhr mit dem späten Zug |
Übersichtstabelle¶
1 |
Nominativ |
was? |
nimetav |
mis? |
raamat |
raamatud |
2 |
Genitiv |
wessen? |
omastav |
mille? |
raamatu |
raamatute |
3 |
Partitiv |
was? |
osastav |
mida? |
raamatut |
raamatuid |
4 |
Illativ |
in was? wohin? |
sisseütlev |
millesse? kuhu? |
raamatusse |
raamatutesse |
5 |
Inessiv |
wo? worin? |
seesütlev |
milles? kus? |
raamatus |
raamatutes |
6 |
Elativ |
woraus? woher? |
seestütlev |
millest? kust? |
raamatust |
raamatutest |
7 |
Allativ |
an was? wohin? |
alaleütlev |
millele? kuhu? |
raamatule |
raamatutele |
8 |
Adessiv |
woran? wo? |
alalütlev |
millel? kus? |
raamatul |
raamatutel |
9 |
Ablativ |
wovon? woher? |
alaltütlev |
millelt? kust? |
raamatult |
raamatutelt |
10 |
Translativ |
wozu? warum? |
milleks |
raamatuks |
raamatuteks |
|
11 |
Terminativ |
bis wo? |
rajav |
milleni? |
raamatuni |
raamatuteni |
12 |
Essiv |
als was? |
olev |
millena? |
raamatuna |
raamatutena |
13 |
Abessiv |
ohne was? |
ilmaütlev |
milleta? |
raamatuta |
raamatuteta |
14 |
Komitativ |
womit? |
kaasaütlev |
millega? |
raamatuga |
raamatutega |
Die vier letztgenannten Fälle werden auch die „nina-taga-Fälle“ genannt (Wortspiel: „nina taga“ heißt „hinter der Nase“)
Und hier noch eine Bemerkung zum Verständnis der Fälle 4-5-6 sowie 7-8-9: man nennt diese beiden Dreiergruppen auch die inneren und die äußeren Lokalfälle. Es ist wichtig, das Denkmodell dahinter zu verstehen.
4 |
ma viskan kala järve |
Ich werfe den Fisch in den See |
5 |
kala ujub järves |
Der Fisch schwimmt im See |
6 |
ma püüan järvest kala |
Ich fange den Fisch aus dem See |
7 |
ma viin paadi järvele |
Ich lasse das Boot auf den See |
8 |
paat on järvel |
Das Boot ist auf dem See |
9 |
ma toon paadi järvelt ära |
Ich hole das Boot vom See weg |
Die Gemeinsamkeit ist, dass man im ersten Fall jeweils auf ein Ziel zu geht, im zweiten das Ziel erreicht hat, und im dritten Fall das Ziel wieder verlassen hat. (kuhu? kus? kust?)
Der Unterschied zwischen den beiden ist, dass das Ziel bei der ersten Serie irgendwo drin ist, während es bei der zweiten Serie irgendwo dran ist. Die innere Fallserie trifft sozusagen ins Innere, während die äußere am Ziel vorbei schießt.
Diese Erkenntnis bedeutet jetzt freilich noch nicht, dass immer alles klar wäre. Die Esten stehen nämlich zum Beispiel selbst dann emph{in} der Bushaltestelle, wenn es dort gar kein Häuschen gibt („Ma seisan bussipeatuses“). Oder wenn jemand an einem See spazieren geht, dann kann er trotzdem nicht einfach sagen „Ma jalutan järvel“ (sonst würden die Leute verstehen, dass er vorhat, auf dem Wasser des Sees spazieren zu gehen), sondern „Ma jalutan järvekaldal“ („Ich spaziere am Rand des Sees“)
Ich, du und er - die Personalpronomen¶
Die Personalpronomen können wie Substantive dekliniert werden. In der dritten Person wird kein Unterschied gemacht zwischen männlich und weiblich. Manchmal gibt gibt es eine lange und eine kurze Form (letztere steht in der folgenden Tabelle in Klammern).
Nominativ |
Genitiv |
Partitiv |
Allativ |
Illativ |
Adessiv |
---|---|---|---|---|---|
mina (ma) |
minu (mu) |
mind |
minule (mulle) |
minusse |
minul |
sina (sa) |
sinu (su) |
sind |
sinule (sulle) |
sinusse |
sinul |
tema (ta) |
tema (ta) |
teda |
temale |
temasse |
temal |
see |
selle |
seda |
|||
meie (me) |
meie |
meid |
mei(e)le |
mei(e)sse |
|
teie (te) |
teie |
teid |
tei(e)le |
tei(e)sse |
|
nemad (nad) |
nende |
neid |
nend(e)le |
nendesse |
|
need |
nende |
neid |
Im Estnischen gibt es keine Possessivpronomen (mein, dein, sein…), sondern stattdessen werden die Personalpronomen in den Genitiv gesetzt. „Peter hat ein Buch: das ist Peters Buch. Ich habe ein Buch: das ist ichs Buch.“
Die zwei Infinitive¶
In Estnisch gibt es zwei Formen des Infinitivs der Verben: auf -da oder auf -ma beendet. Bei vielen Verben ist der Stamm in beiden Formen der gleiche. Aber nicht für alle. Beim Vokabellernen sollte man also am besten die beiden Infinitive sowie auch noch die erste Person Singular lernen. Kleiner Tipp: die -ma-Form enthält immer „ma“, die -da-Form nicht unbedingt.
ma-Infinitiv |
da-Infinitiv |
|
---|---|---|
helistama |
helistada |
anrufen |
minema |
minna |
gehen |
pidama |
pidada |
müssen |
sööma |
süüa |
essen |
sõitma |
sõita |
fahren |
Die -ma-Form wird benutzt, wenn das Verb in Verbindung mit einem anderen Verb steht, das das erstere „regiert“. Pidama (müssen) ist ein solches „regierendes“ Verb: Ma pean minema (Ich muss gehen). Tahtma (mögen) dagegen ist keins : Ma tahan minna (Ich möchte gehen).
Die -da-Form ist relativ identisch mit („zu“ + Infinitiv) im Deutschen.
Mina pean varsti helistama, aga sina võid helistada hiljem. Ich muss (schon) bald telefonieren, aber du kannst später telefonieren.
Die -da-Form wird auch benutzt, um die Vergangenheitsform zu bilden.
Sein¶
mina (ma) olen |
ich bin |
sina (sa) oled |
du bist |
tema (ta) on |
er/sie ist |
see on |
es ist |
meie (me) oleme |
wir sind |
teie (te) olete |
ihr seid |
nemad (nad) on |
sie sind |
See on võimalik |
Das ist möglich |
Kas see oled sina? |
Bist du das? |
Ma olen rõõmus |
Ich bin froh |
Haben¶
Statt eines eigenen Wortes für „haben“ wird im Estnischen der Besitzer in den Adessiv versetzt.
minul (mul) on |
ich habe |
sinul (sul) on |
du hast |
temal (tal) on |
er/sie hat |
meil on |
wir haben |
teil on |
ihr habt |
nendel (neil) on |
sie haben |
Also statt „ich habe“ sagt man in estnisch „bei mir ist“.
Mul on pikk tööpäev |
Ich habe einen langen Arbeitstag |
Sul on kaks venda |
Du hast zwei Brüder. |
Tal on punane jalgratas |
Er hat ein rotes Fahrrad. |
Den Adessiv kann man jedoch nicht immer einfach mit „haben“ übersetzen:
Õhtul on huvitav film |
Am Abend läuft ein interessanter Film |
Laual on klaas vett |
Auf dem Tisch steht ein Glas Wasser |
Laual on neli jalga |
Der Tisch hat vier Beine |
Modalverben¶
Das modulierte Verb steht immer im da-Infinitiv. Ausnahme: in Verbindung mit pidada steht es im ma-Infinitiv.
tahtma, tahta, tahan |
wollen |
võima, võida, võin |
können |
saama, saada, saan |
können, erhalten, werden, … |
oskama, osata, oskan |
können, fähig sein |
suutama, suuta, suudan |
können, schaffen, wagen |
tohtima, tohtida, tohin |
dürfen (die Erlaubnis haben) |
pidama, pidada, pean |
müssen (verpflichtet sein) |
Sa võid ju osata, aga kas sa suudad
Üks, kaks, kolm - Zahlwörter¶
üks |
eins |
kaks |
zwei |
kolm |
drei |
neli |
vier |
viis |
fünf |
kuus |
sechs |
seitse |
sieben |
kaheksa |
acht |
üheksa |
neun |
kümme |
zehn |
Die Negation¶
Ein Verb wird negiert, indem das Wort „ei“ davor gesetzt wird. Außerdem wird es dann nicht mehr konjugiert, sondern nur der Stamm (da-Infinitiv) wird verwendet.
begin{edtable} Ta ei ole kodus & Er ist nicht zu Hause Me ei ole kodus & Wir sind nicht zu Hause Ta ei tea, kus ta on & Ihr wisst nicht, wo er ist Ma ei õpi & Ich studiere nicht Ma ei räägi eesti keelt & Ich spreche nicht Estnisch Tema ei helista hiljem & Sie wird später nicht zurückrufen end{edtable}
Die Zeiten¶
Der Imperativ¶
Singular : Präsensstamm + sonst nichts Plural (Höflichkeitsform) : Stamm (da-Infinitiv) + „ge“
anrufen |
helista! |
helistage! |
rufen |
kutsu! |
kutsuge! |
warten |
oota! |
oodake! |
sprechen |
räägi! |
räägige! |
kommen |
tule! |
tulge! |
entschuldigen |
vabanda! |
vabandage! |
gehen |
mine! |
minge! |
Man beachte, dass der Präsensstamm nicht unbedingt mit dem da-Stamm identisch ist. Auch wird das „ge“ manchmal zu „ke“ moduliert.
Um ein Verb im Imperativ zu negieren, wird nicht „ei“ davor gesetzt, sondern „ära“ bzw. „ärge“. Das negierte Verb bleibt in der gleichen Form wie im positiven Imperativ.
Indikativ Imperfekt (Vergangenheitsform)¶
Wird gebildet, indem man an den Stamm des da-Infinitivs ein „s“ und die jeweilige Endung drantut. Aber es gibt einige Unregelmäßigkeiten.
olema/olla (sein) ma olin sa olid ta oli me olime te olite nad olid
minema/minna (gehen) ma läksin sa läksid ta läks me läksime te läksite nad läksid
textbf{saama/saada} (erhalten, bekommen) ma sain sa said ta sai me saime te saite nad said
textbf{tooma/toua/toon} (holen) ma tõin sa tõid ta tõi? }
-nud und -tud : Partizip Perfekt¶
Den Partizip Perfekt gibt es im Estnischen in zwei verschiedenen Formen: der aktiven und der passiven Form.
Ma olen elanud Eupenis |
Ich habe in Eupen gelebt (aktiv) |
Pärast mitmeid Eupenis elatud aastaid… |
Nach mehreren in Eupen gelebten Jahren… (passiv) |
paljuloetud raamat |
das vielgelesene Buch (das viel gelesen worden ist) (passiv) |
paljulugenud inimese |
ein belesener Mensch (der viel gelesen hat) (aktiv) |
ma olin oodatud |
Ich wurde (war) erwartet (passiv) |
ma olin oodanud |
Ich hatte erwartet (aktiv) |
Indikativ Perfekt¶
(..)
-ev und -av : Partizip Präsens¶
Auch hier wird zwischen einer aktiven und einer passiven Form unterschieden. Die passive Form kann meistens ins Deutsche übertragen werden durch eine Adverbialisierung des Verbs
lugev inimene |
der lesende Mensch (aktiv) |
loetav raamat |
ein lesbares Buch (passiv) |
see on tehtav |
das ist machbar |
Der unpersönliche Genus¶
Den deutschen Passiv gibt es im Estnischen nicht. Stattdessen wird der unpersönliche Genus benutzt.
mulle anti turvaline koht |
man gab mir einen geborgenen Ort |
mind tunti naljahambana |
man kannte mich als Spaßvogel |
mind tuntakse naljahambana |
man kennt mich |