Ist gewaltloser Dialog mit Russland möglich?¶
Freitag, 17. April 2026
Einer meiner estnischen Freunde reagierte auf Estnische Meinungskämpfe und belgische Kompromisse.
Er: Nun, lieber Luc, wie hätte die Welt den Belgier beurteilt wenn sie sich genau so kompromiswillig gegenüber Hitler verhalten hätten? Oder gibt es tatsächlich einen „qualitativen Unterschied“ zwischen Adolf und Vladolf?
Luc: Haha, gute Frage! Ich weiß es nicht. Habe gerade erst nachgeschlagen, wer dieser belgische NATO-Generalsekretär ist und was er so Schlimmes gesagt hat. Und dadurch entdeckt, dass Mark Rutte gar kein Belgier sondern Holländer ist…
Luc: Aber hast du schon das hier gelesen (ist schon 2 Monate alt)? Jookse, issi, jookse!. Also ich kann mir gut vorstellen, dass die momentane estnische Regierung jeden anbellt, der sich um Frieden bemüht.
Er: Lieber Luc, was meinst du denn mit “Frieden”?
Luc: Dass die Nationen ihre Konflikte ohne Waffen regeln.
Er: Genau so wie in (München 1938)? Ein Russe wird erst dann friedlich, wenn er der Übermacht gehenübersteht - oder gestanden hat.
Luc: Ein US-Bürger auch. Das haben die großen Nationen so an sich. Man muss die Grenzen und Regeln sehr klar setzen.
Er: Eben. Das bedeutet zuerst alle Träumereien von Paszifismus zu vergessen.
Luc: Wieso denn das? Die Vision vom Weltfrieden ist doch keine Träumerei?
Er: Weil es weder in 1938 noch in 2026 funktioniert. Die Realität der Russen und Amerikaner erlaubt keine Experimente.
Luc: Die ganze Menschheit ist ein ständiges Experiment und wird nie etwas anderes tun als experimentieren.
Er: Wer den Frieden mit den Russen auf Kosten der Ukrainer befürwortet… also ich glaube ich halte lieber jetzt inne, denn sowas regt mich auf. Aber ich sage es dir gleich: mein Leben gebe ich gern wenn ich zwei Russen mit mir mehmen darf. Für viele in diesem Land ist es nur eine Frage der Zeit.
Luc: Ich habe zufällig genau zwei Russen unter meinen Freunden. Sollen wir mal zusammen einen Abend verbringen? Wir könnten noch einen anderen Russengegner deiner Wahl einladen, um ausgeglichen zu sein.
Er: Und würdest du auch den Familienangehörigen der vielen Holländer im Malaysia-Airlines-Flug 17 zu einem Essen mit den Tätern einladen?
Luc: Theoretisch gerne, aber es wäre viel Arbeit um das zu organisieren inkl. Sicherheitsvorkehrungen.
Er: Ich glaube nicht an Dialog mit Moskau, so lange dieser Dialog nicht überzeugend mit Gewaltbereitschaft unterstützt ist. Um mit Russen zu sprechen muss man ihre Sprache sprechen. Nicht nur buchstäblich sondern auch im Bezug auf Denkweise und Mentalität. Du musst deinen Gesprächspartner so verstehen wie er ist, nicht so wie du dir wünscht dass er wäre. Sonnst kommst du nie zu einer Verhandlungslösung. Vergiss deine Träumereien und akzeptiere die Welt wie sie ist, und den Russen wie er ist.
Luc: In Lanz + Precht #240 (Iran: Krieg, Macht und Märkte) formuliert einer der beiden irgendwann eine interessante Hoffnung: sowohl Putin als auch Trump zeigen uns, dass es so wie sie geglaubt haben nicht mehr funktioniert. Sie wollten sich mit Gewalt etwas nehmen und stehen jetzt jeder auf seine Art vor einem Misserfolg. Hier der Originaltext ab ca 18:15:
Das Interessante ist, dass wir jetzt zweimal gesehen haben, wie Großmächte einen großangelegten Angriffskrieg gestartet haben, Russland in der Ukraine und die USA im Iran, und beides ist ein Desaster. Das heißt also, diese vermeintlichen Herren der Welt müssen einsehen, dass sie mit dem Krieg alles schlimmer gemacht haben und nichts besser. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wenn Putin gewusst hätte, wie das die nächssten vier Jahre weitergehen würde, dann hätte er wahrscheinlich die Ukraine nicht überfallen. Und ich glaube, wenn Trump geahnt hätte, was er da auslöst (…), dann hätte er das auch nicht gemacht. Und wenn das am Ende als Botschaft rüberkommt, dass sich die Angriffskriege von Großmächten im 21. Jahrhundert nicht mehr lohnen, dann wäre das eine sehr schöne Korrektur gegenüber der imperialistischen Politik des 19. Jahrhunderts, die gerade zurückzukommen scheint.
Luc: Ja, man muss Moskau klar in die Grenzen verweisen. Heute morgen sagten mir zwei Freunde, dass der Ukraineangriff von 2022 kam, weil die Annektion der Krim in 2014 „so gut geklappt hatte“. Da dachte Putin „Let’s do it again“. Das Problem ist also gekommen, weil die Weltgemeinschaft 2014 nicht klar reagiert hat.
Luc: Ich will eigentlich nicht darüber streiten, ob Waffengewalt im Moment gut ist. Wenn das Haus brennt, muss man zuerst mal löschen. Ich will lieber darüber nachdenken, wir die Menschheit in Zukunft solche Situationen vermeiden kann. Wie wir auch den Großmächten klarmachen können dass nicht der Stärkere das Recht hat.
Er: Die estnische Regierung macht sicherlich auch Fehler, aber jeder Cent, den sie für Waffen in der Ukraine ausgeben, ist gut investiert. Denn, und das mag jetzt furchtbar zynisch klingen, aber genau das ist ihre Logik: Solange diese „Investitionen in Gewalt“ JETZT und DORT getätigt werden, müssen wir SPÄTER – HIER – keine viel höheren Summen zahlen. Und ja: Es sind die ukrainischen Männer und Frauen, die ihr Leben für uns lassen, damit wir selbst nicht auf dem Schlachtfeld bluten müssen.
Ich: Kapitalismus und Sozialismus verstehe ich als zwei theoretische Extreme, die Wirklichkeiten der politischen Ordnungen pendeln dazwischen hin und her. Das einzige, wozu ich mich bekenne, ist das Evangelium. Deshalb ärgere ich mich, wenn ein angeblicher Christ etwas sagt oder tut, das gar nicht christlich ist. Zum Beispiel ärgere ich mich über die Stellungnahme des EKN zur Homosexualität.
Ich: Wenn „liberal“ das Gegenteil von „autoritär“ ist, dann bin ich liberal. Aber wenn „liberal“ bedeutet, dass der Staat das Geld regieren lässt, dann ist das asozial, weil dann das Recht des Stärkeren gilt, so wie in der unzivilisierten Natur oder im Wilden Westen. Ich ärgere mich und widerspreche dir, wenn du Hass gegen „den Russen“ predigst oder wenn du behauptest, dass „die Russen“ sich nie ändern. Denn das ist gegen das Evangelium („Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“)
Er: Politisch-ideologisch haben wir viel gemeinsam, Luc, denn ich bin auch liberal im Sinne “Wertepolitik”/Moralpolitik, und neige dazu den Kapitalismus mit sozialistische Elemente zu komplementieren.
Er: Du triffst mich auf einen wunden Punkt, wenn Du auf meinen unchristlichen Hass auf Russen als Volk hinweist (obwohl ich einige Freunde in der russischen Diaspora in Kopenhagen habe). Ich gebe es zu: ich verachte den Russen, und wenn ich ihre Geschichte 600 Jahre zurück betrachte, sowie ihr heutiges Benehmen, dann sehe einfach kein Licht am Ende des Tunnels. Ich zweifle wohl nicht nur an den Russen, sondern in Wirklichkeit an dem Wort Gottes. Seit mehr als vier Jahren habe ich mit diesen gewaltigen Gefühlen gekämpft. Ich habe auch mit meine Pfarrer darüber gesprochen. Sein Rat war dass ich meine Gefühlen in positiven Taten sowie etwa aktive Hilfsarbeit für die ukrainische Flüchlinge nutzen sollte. Aber letztendlich habe ich mich in mich selbst zurückgezogen und versucht mich weniger in der Debatte auf den Sozialmedien zu engagieren. Das ganze regt mich so sehr auf dass ich es nicht mehr verkraften kann. Nur eines weiß ich: Wenn meine Frau mich eines Tages anfleht wir sollten von hier fliehen, dann kaufe ihr und den kleinsten ein Paar Tickets, aber ich selber wünsche zu bleiben und mein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Denn dieses Land ist meine Heimat und mein Leben geworden, und ich will mich wehren, so wie die Finnen und Ukrainer.
Luc: Ja, bei dem was man heutzutage so liest, kann man schon Angst kriegen, dass die Frohe Botschaft eine unrealistische Träumerei und ein Wunschdenken ist.
Luc: Ich bin nicht gegen Verteidigung, sondern gegen Waffengewalt. Ich bin für Einführung neuer gewaltloser Methoden der Verteidigung.
Luc: Putin und mit ihm der Traum vom russischen Imperium muss jetzt endlich mal einen Schlag auf die Nase kriegen, der klarmacht „So gehts nicht, Leute“. Aber mit militärischer Gewalt kannst du so ein Monstrum bestenfalls kitzeln. Wir brauchen neue Methoden. Zum Beispiel ein Kriegsschuldregister in den Haag, das zu einer Steuer auf jeden Import und jeden Export führt.
Er: Ich würde deinen Idealismus begrüßen, wenn er nicht so gefährlich wäre. Du musst dich zur realen Welt und das heutige Geschehen verhalten. Das andere muss bis auf der Friedenszeit danach warten. Dann kann man sich wieder die Frage stellen: „Wie vermeiden wir eine Wiederholung?“. Eine Frage, die man sich seit der Friedenskonferenz 1648 (nach dem 30-jährigen Krieg) wiederholt gestellt hat.
P.S.¶
Kriegsschuldregister in den Haag stelle ich mir so vor: Feindliche Panzer besetzen meine Stadt? Statt zu versuchen, sie aufzuhalten, sammle ich so viel Beweismaterial wie möglich und schicke laufende Berichte nach den Haag. Ich selbst und die Leute vor Ort, wir halten ruhig, um jede Eskalation möglichst zu vermeiden, wir gehen uns sogar eine rauchen mit den feindlichen Soldaten, weil wir wissen, dass die auch nur ihren Job tun. Und in den Haag werden alle Berichte buchhalterisch erfasst. „1x Rathaus besetzt unter Androhung von Gewalt ohne nennenswerten Schaden – 5000 EUR Miete pro Tag“. „1x Radioturm beschädigt – 10000€ Funktionsausfallkosten pro Tag“, usw. Es wäre freilich viel Arbeit, um so ein Buchhaltungssystem aufzubauen und zu warten.
Das wäre nach vier Jahren in der Ukraine freilich eine lange Rechnung