Estnische Meinungskämpfe und belgische Kompromisse

Freitag, 10. April 2026

Ein estnischer Freund schrieb mir: „Traurig sehe ich den verrückten US-Präsidenten und seine Aktionen, und unter anderem auch die verhaltene Freundschaft der belgischen Regierung mit Putin. Offenbar gefällt das den Wählern. Und der belgische NATO-Generalsekretär ist auch nicht besser. Zum Glück schmecken belgische Fritten immer noch gut.“

Ich darauf: Ich lese zur Zeit nicht viel Nachrichten, ich habe eine Allergie gegen die Wörter „Trump“ und „Putin“ entwickelt. Manchmal denke ich, ob ich nicht doch ein bisschen mehr verfolgen sollte, was sich in der Welt tut. Aber dann tröste ich mich selber mit folgendem Gedanken: Nehmen wir an, dass ein Hinterwäldler wie ich 50% von dem weiß, was ein bestens informierter Mensch weiß. Das hört sich auf den ersten Blick nach viel an, aber wenn man bedenkt, dass selbst der bestinformierteste Mensch von der ganzen Wirklichkeit nur ein Fragment kapiert, sagen wir 1% aber wahrscheinlich sind es noch deutlich weniger, ist dieser Unterschied letzten Endes belanglos: der Eine weiß 0,5% mehr als der Andere, also nichts besonderes.

Aber zum Thema: Du findest also, dass die Belgier zu freundlich mit Putin umgehen? Haha, das klingt logisch, denn Esten sind ja dafür bekannt, dass sie sogar einander das Leben schwer machen (sh. Witz mit den drei Kesseln in der Hölle), während Belgier für ihre Kompromissfähigkeit bekannt sind.

Ich schaute mir daraufhin den Film Oui mais non! Le compromis à la belge. an. Herman de Croo sagt darin „Mit der Schizophrenie kann man auf zwei Arten umgehen: entweder man wird verrückt, oder man schließt einen Kompromiss. Wir sind es gewöhnt, einer mit dem Anderen zu leben, auch mit dem Gegensatz des Anderen. Davon hängt das Überleben dieses Fleckchens Erde und seiner Bewohner ab. Es ist wie früher in italienischen Ehen: eine Scheidung gibt’s nicht. Man kann das von den Eltern geerbte Geschirr zerdeppern, aber am Ende muss man sich vertragen“.

Das ist es, die Menschen in Estland irgendwie nicht glauben oder nicht bedenken wollen: einfach den Dialog abbrechen ist in einer modernen Welt keine Lösung mehr.

Vor zwei Wochen hörte ich einen Vortrag über synodale Methoden. Der Redner erzählte uns, dass Meinungsverschiedenheiten oft als lästig empfunden werden, aber eigentlich eine Bereicherung sind. Ich fand das eine altbekannte und selbstverständliche Erkenntnis und fragte:

Luc: How to explain that to people who don’t enjoy diversity of opinions?

Antwort: Listen to them.