Tagesausflug nach Tartu¶
Freitag, 30. Januar 2026
Heute bin ich nach Tartu gefahren. Um 9 Uhr habe ich unsere Tallinner Wohnung verlassen und um 23 Uhr war ich wieder zurück. Ein anstrengender Tag also. Und wozu das Ganze? Ich hatte zwei halbe Gründe: Erstens ein Treffen mit Hannes und zweitens ein Besuch bei Mari und Kris.
Das Treffen mit Hannes war eine Jetzt-oder-nie-Aktion. Seit September 2020 war Hannes mein Systemverwalter, aber vor einigen Wochen waren wir uns einig geworden, dass Rumma & Ko ihm nicht genug Arbeit bieten kann. Außerdem erfüllt sein anderer Job ihn mittlerweile voll und ganz. Mehr als fünf Jahre lang haben wir viel Freude und auch Leid miteinander geteilt. Ab jetzt sind wir nicht mehr Chef und Angestellter sondern reine Freunde. Das haben wir gefeiert. Zwei Stunden lang saßen wir in einem Café und sprachen über Gott und die Welt. Physikalisch hatten wir uns in den fünf Jahren nur dreimal getroffen, Tartu ist eben doch 200 Kilometer entfernt von Tallinn.
Mari hat mir drei Kunstausstellungen gezeigt. Wenn Papa schon mal kommt, denn soll es sich auch lohnen.
In der Galerie „Typa“ war die Ausstellung „Jalad all“ („Füße dran“) eines Gemeinschaftsprojekts der Textilabteilung und Möbelabteilung ihrer Schule. Dort war Mari Ko-Autor eines der Werke. Die Mädchen hatten Garnreste aus der Teppichproduktion in Würste gestopft und aus diesen Würsten eine Decke gewebt und diese dann als Sitzfläche für einen Liegestuhl benutzt. Fotos davon sind zu sehen auf der Webseite der Schule: Tekstiiliosakonna ja mööbliosakonna disainiprojekti näitus TYPA Galeriis.
In der Galerie Pallas war eine Ausstellung der Skulpturabteilung mit dem Titel „Vabandust, ma alles ärkasin“ („Entschuldigung, bin gerade erst aufgewacht“). Dort stand ein Werk von Kris mit dem Titel „Hätte, hätte, Fahrradkette“. Er hatte Spielzeugautos aus seiner Kindheit in eine Plastiktüte gesteckt, einige Liter Seife dazugefüllt und hart werden lassen, und dieses Gebilde wird jetzt von unten durchleuchtet. Traumatisierende Kindheitserlebnisse muss man abwaschen, um glücklich zu werden, aber das ist nicht immer leicht.
Im Verkaufsladen der Galerie Kett hängen mehrere Exemplare von Maris Strickmützen zum Verkauf, die man an den Fühlerantennen erkennt, die dich je nach Laune zur Biene oder zur Schnecke machen können.
Tja, das ist Kunst. Ich kann da nicht mitreden und werde wahrscheinlich nie verstehen, wie man dafür Geld bezahlen kann. Zum Glück gibt es ja offenbar Leute, die das tun.
Dann gingen wir zu Maris Wohnung, die sie mittlerweile mit ihrem Freund Kris teilt. Der war gerade beim Abwaschen. Die beiden haben es sich auf den dreißig Quadratmetern erstaunlich gemütlich eingerichtet. Zu dritt kochten und aßen wir Spaghetti carbonara. Kris ist ein total Lieber, aber sehr menschenscheu. Die beiden erinnern mich an das Lied „Sie sagt nicht viel“ von Herman Van Veen, das ich noch auswendig mitsingen kann: „Sie soll, so sagt man, wortkarg sein, / das hat mich nie gekränkt, / denn wenn sie redet, sagt sie, was sie wirklich denkt. / Auf manchen Festen kommt es vor, / dass sie kein Wort verliert / und all‘ die vielen Schwätzer / dadurch irritiert.“