Die wunderbare Geldvermehrung

Donnerstag, 29. Januar 2026

Wisst ihr noch? Im September 2002 (vor knapp 24 Jahren) machte ich in meinem Rundbrief an Freunde einen Spendenaufruf für eine alleinstehende Mutter von vier Kindern. Ich schrieb damals damals „Mit „wunderbare Geldvermehrung“ meinte ich die Tatsache, dass sich eine Spende von Belgien nach Estland quasi automatisch vervierfacht, weil in Estland das durchschnittliche Monatsgehalt viermal kleiner ist als in Belgien.“

Am Dienstag schrieb mir eine Ukrainerin, die seit Kriegsbeginn in Tallinn lebt und als Wissenschaftlerin an der Uni arbeitet: „Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich ins Restaurant gehe, denn was ich da für einen Gang ausgebe, verdienen manche Menschen in meinem Land in einem Monat. Das ist ein unerträgliches Gefühl für mich.“

Ich darauf: Ja, man kann Geld vermehren, indem man es jemandem gibt, der in einem „ärmeren“ Land lebt. Ich nutze diesen Effekt sogar für mein Unternehmen; ich könnte mir einen Entwickler wie Sharif nicht leisten, wenn er in Estland leben würde.

In der Tat hatte Sharif – wie zufällig– einige Tage zuvor gesagt „Lino ist ein Segen und es wäre dumm, den nicht zu nutzen“. Er arbeitet momentan an einem Lino für kleine Ladenbesitzer, die damit ihre Bestellungen verwalten könnten. Sollte das Projekt gelingen, könnte er Personal einstellen und eine Firma gründen. „Wenn ich in einer normalen Firma arbeiten würde, dann wäre ich ja den ganzen Tag voll mit diesem Job beschäftigt, und nach Feierabend wäre ich viel zu müde, um noch darüber nachzudenken, was ich für die Menschen um mich herum tun kann, oder wie ich meinem Heimatland nützlich sein kann.“ Bangladesh leidet seit Jahren unter einer enorm hohen Arbeitslosenquote. Ich bin ein sehr relaxer Chef, mein Führungsstil ist wahrscheinlich ein Musterbeispiel von Laissez-faire. Sharif und ich treffen uns jeden Morgen auf Jitsi, um auszutauschen über die Fragen „Was habe ich gestern getan?“ und „Was plane ich heute zu tun?“. Wenn Sharif in Estland lebte, müsste ich ihm mindestens das sechsfache dessen bezahlen, was er mich momentan kostet. Also nicht nur Lino ist ein Segen für Sharif, sondern Sharif auch ein Segen für Lino.

Besagte Ukrainerin schrieb auch: „Es ist gut, dass du bisher keine ernsthafte Notlage erlebt hast, und ich bete, dass es auch so bleibt. Ich selbst habe echte Not erlebt und fühle mich gestärkt durch das Wissen, dass es Menschen gibt, die nicht kämpfen müssen für die Deckung ihrer Grundbedürfnisse (Essen und ein Dach über dem Kopf). Und noch wichtiger ist die Angst davor, ohne diese Dinge dazustehen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich jeden Cent umdrehen musste, um mir Essen leisten zu können, und habe jetzt Angst, wieder in diese Situation zu geraten. Das ist wie Angst vor dem Zahnarzt.“ Obwohl es ihr finanziell gut geht, leidet sie unter posttraumatischer Depression und liest zur Zeit „The body keeps the score“ von Bessel van der Kolk.

Solche Zeugnisse bestätigen mir, dass wir ein weltweites bedingungsloses Einkommen bräuchten. Was freilich eine Idealvorstellung ist, die wohl kaum zu meinen Lebzeiten Wirklichkeit werden wird. Das ist aber kein Grund, nicht zu hoffen. So gesehen ist unser gemeinsames Gebet auch eine über-politische Demonstration, bei der wir uns treffen und provokativ nichts tun (noch nicht einmal predigen!). Genauer gesagt tun wir nichts anderes als Loblieder auf Gott zu singen. Weil Gott das einzige Ideal ist, das anbetungswürdig ist. Alle anderen Ideale, inklusive meines weltweites bedingungsloses Einkommens, sind diskutabel. Regelmäßiges Beten schließt ein aktives Leben keineswegs aus (ora et labora, ist schon seit dem Mittelalter Motto der Benediktiner), aber es schützt vor blindem Aktivismus. Denn ständiges pausenloses Tun kann auch ein Schuss ins Knie werden, weil du den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr siehst und möglicherweise in die falsche Richtung rennst.