Wochenrückschau

Sonntag, 18. Januar 2026

Wir hatten eine schöne Winterwoche. Nachts ging es stellenweise bis -20° und getaut hat es keinmal. Hier ein Foto der Straßen von Nõmme am vorigen Sonntagabend:

Am Montagabend ging ich wie üblich zum Taizé-Gebet in der Karlskirche. Dieses Gebet ist das musikalisch schönste Taizé-Gebet in Estland. Zumindest soweit mir bekannt. Meistens sind alle vier Stimmen vertreten (Sopran, Alt, Tenor und Bass). Aber auch geistig bzw. kulturell ist es schön divers: wir haben ziemlich viele Konfessionen (Lutheraner, Katholiken, Baptisten, ein Anglikaner, ein Methodist) und Nationalitäten (England, Frankreich, Belgien, Russland, Ukraine, Portugal).

Am Dienstag fuhr ich Ly nach Vigala zurück. Sie war zwei Nächte lang bei Iiris und mir in Tallinn zu Besuch gewesen, weil sie am Montag einen Termin bei ihrer Homöopathin hatte. Aber in Vigala hat sie es besser als in Tallinn, dort leuchtet nachts keine Straßenlaterne in ihr Zimmer, dort hat sie mehr Anreiz, sich zu bewegen, weil sie heizen muss und mehrmals am Tag die Treppe rauf und runter muss.

Am Mittwoch ging ich zum Abendessen bei einem befreundeten Ehepaar, einem Russen und einer Ukrainerin, die schon seit mehr als 5 Jahren in Estland leben und im April 2025 geheiratet haben. Das war mein erster Besuch bei ihnen. Ich habe ihnen vastlakukkel („Fastnachtspöffel“) mitgebracht, das kannten sie noch nicht, weil sie zu wenige Esten kennen. Vor einem Monat hatten die beiden mich zum ersten Mal besucht, damals schrieb ich anschließend Russisch in Estland. Diesmal sind wir nicht so politisch geworden.

Am Donnerstag hatte ich Bibelaustauschgruppe mit einigen Eupenern auf Jitsi. Wir lasen Joh 1,35–51 (Die Berufung der ersten Jünger). Ich bin wie die ersten Jünger in dieser Geschichte. Jesus ist das Evangelium, die Frohbotschaft, die wir als Kirche, als Jesu Jünger, allen Menschen verkünden wollen und sollen. Aber man kann diese Botschaft nicht mit Worten erklären. Über das Evangelium sind seit 2000 Jahren unzählige gelehrte Bücher geschrieben worden, und ich habe ja auch immer wieder Lust, ganze Bücher über Jesus zu schreiben, und merke dann immer wieder schnell (manchmal auch langsam), dass es utopisch ist zu glauben, ich hätte all diesen Büchern noch was hinzuzufügen. Jesus findet das gut: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. (Jes 29,14; Mt 11,25)“

Am Freitagabend ging ich zu meinem zweiten Taizé-Gebet in dieser Woche, diesmal in der Kirche von Mustamäe. Das Gebet dort ist musikalisch weniger schön, es fehlt an Sängern. Im Laufe des Tages verschickte ich mehrere Privateinladungen, die alle ungefähr so verliefen:

  • Luc: Heute habe ich vor, zur Mustamäe-Kirche zum Gebet zu gehen, und ich würde mich freuen, dich dort zu sehen (ich wette zwar, du hast schon einen vollen Terminkalender, aber ich sage es nur für den Fall…).

  • M: Wir besuchen heute Abend Oma, aber danke für die Einladung! 🤗 Ich versuche in letzter Zeit etwas kürzer zu treten, weil ich nicht mehr viel machen kann. 🙂

  • L: Deshalb gehe ich beten, ich zwinge mich 45 Minuten lang, abzuschalten. Abschalten ist ziemlich schwierig, ich muss mich dazu zwingen.

Also ich kann es offenbar nicht lassen, andere Leute mitreißen zu wollen. Ich geb’s ja zu. Nennt mich ruhig aufdringlich.

Heute Morgen dachte ich an einen Freund, der momentan eine Ehekrise durchmacht und sich voraussichtlich bald scheiden wird. Vor einigen Monaten hatte ich ihm einen Link zu einer Episode in einem katholischen Podcast names EHE wir uns trennen empfohlen. Der Titel der Episode lautete Ehe als Trainingsraum für Feindesliebe. Besagter Freund hatte sich die Episode damals gar nicht erst angehört, er meinte: „Ich bin nicht katholisch genug, um die Paarbeziehung als lebenslängliche Leidensprüfung sehen und leben zu können. Ohne den Podcast gehört zu haben, ahne ich, dass man mir abverlangen wird, meine Feinde zu lieben, aber ich bin ja nicht derjenige, der seine Zuneigung nicht zeigen konnte. Und „ehe wir uns trennen“ ist ja auch dann zu spät.“

Und ich kann inzwischen gut verstehen, dass er nicht einmal reinhören wollte. Er hatte seine Entscheidung ja schon getroffen, seine Ehe schon abgehakt, sich der Scheidung und seinem neuen Leben zugewandt. „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,62)

Zur Strafe für meinen unangebrachten Rat an besagten Freund hörte ich mir die Episode heute Morgen selber noch einmal an. Aus dieser Strafe ist jedoch nichts geworden, für mich selber fand ich das Gespräch auch beim zweiten Hören wieder bereichernd und interessant. Es hilft mir, meine eigene Ehe nicht aufzugeben. Hier einige Notizen:

  • Ab Minute 2: Warum „Ich verspreche dir, dich nie zu verletzen“ utopisch ist. “ „Ich mag dich gut leiden“ „

  • Ab Minute 25: Selbstmitleid als berechtigte Form der Selbstliebe ist wie ein Schaumbad zur Linderung des Schmerzes nach einer Verletzung.

  • Ab Minute 29: Das Johari-Fenster in der Ehe: erstens die Arena (was beide wissen), zweitens die Geheimnisse (was nur ich weiß), drittens der blinde Fleck (was der andere über mich weiß aber ich kann oder will es nicht wahrnehmen) und viertens die unbekannte Zukunft (was beide nicht wissen).

  • Ab Minute 30: „Dir kann ich nicht verzeihen“, die Versuchung zur Rache. Die Opferrolle aufzugeben verlangt Verzicht auf Rache.

Wenn ich gelegentlich Werbung fürs Durchhalten in der Ehe trotz der unangenehmen Nebenwirkungen mache, dann habe ich diese Weisheit (falls es eine ist) nicht aus der Bibel, sondern aus meinen Beobachtungen. Ich rede dann nicht als Katholik, sondern als Biologe, Soziologe, Familienvater, Systemanalytiker und Investor. Ich finde überhaupt nicht, dass die Bibel von uns verlangt, unsere Ehe als unauflösliches Sakrament zu sehen. Eher im Gegenteil. Ja, Treue (Zuverlässigkeit), Geduld (Ausdauer) und Versöhnlichkeit (Kompromissbereitschaft) sind vielgepriesene Tugenden, aber die werden nicht nur in der Bibel gepriesen, sondern auch in unserer Gesellschaft. Die Bibel dagegen lobt genauso oft Tugenden, die eher in die andere Richtung weisen: einen Fehler bereuen zu können und zur Umkehr bereit zu sein, selbst wenn dabei dein ganzes Leben umgekrempelt wird, oder bei manchen Themen eben keinen Kompromiss zu machen, oder spontan zu handeln und eher auf Gott als auf menschliche Vernunft zu hören. Also wenn ich Papst wäre, würde ich die Lehre von der Ehe als unauflöslichem Sakrament abschaffen, weil Ehe ein gesellschaftliches Konzept ist, keine Glaubensfrage.

Zufällig hörte ich nach diesem Pod-Gespräch noch Udo Lindenbergs Wozu sind Kriege da?. Ich schätze, dass ich das Lied mindestens 30 Jahre lang nicht mehr gehört hatte. Und stellt euch vor: ich konnte fast noch mitsingen. Da sieht man mal, wie sehr Lieder uns prägen. Ein anderes Lied, an das ich mich noch gut erinnere, das ich in meinem dritten Lebensjahrzehnt oft in der Jugendmesse gesungen habe, ist Wie ein Fest nach langer Trauer, das nichts anderes tut als die Gabe der Versöhnung zu preisen: Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht, ein off’nes Tor in einer Mauer, für die Sonne aufgemacht, wie ein Brief nach langem Schweigen, wie ein unverhoffter Gruß, wie ein Blatt an toten Zweigen, ein Ich-mag-dich-trotzdem-Kuss, so ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein, so ist Versöhnung, so ist Vergeben und Verzeih’n (Text von Jürgen Werth).

Solche Lieder werden heute nicht mehr gesungen. Heute Nacmittag ging ich zum Konzert des Jugendzentrums „Kanutiaia“, wo Iiris Hozier’s „Take Me to Church“ vortragen wird. Ein musikalisch schönes Lied mit ergreifendem Text, der aber ungerechterweise die Kirche als Sündenbock missbraucht für etwas, das sie nicht schuld ist. Siehe Hozier - Take Me To Church.