Montag, 24. Oktober 2022

Frühmorgens

Gebet am Montag, 24. Oktober 2022 um 03:49 Uhr.

Oh Gott. Ich habe langsam genug.

Seit mindestens 20 Jahren schreibe ich mir die Finger wund, um zu erklären, dass Software frei sein muss. Ich zeige ihnen vor, dass das möglich ist. Und was machen sie? Sie zucken die Schultern und belächeln mich als verrückten Träumer. Herr verzeih ihnen, denn sie ahnen nicht, was sie verpassen.

Mit der Kirche ein ganz ähnliches Erlebnis: 6 Monate lang breche ich mir einen Ast ab, interviewe mehr als hundert Leute, schreibe zusammen mit 3 Theologen einen 10-seitigen Text als Vorschlag dessen, was die Esten der Kirche zu sagen haben. Und was machen die, die diesen Text hätten lesen sollen? Sie ignorieren ihn! Einer von ihnen klebt stattdessen einen nichtssagenden Text zusammen! Herr verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Und ich kann nicht einmal sauer sein über sie. Bin ja selber nicht besser als sie, habe ja genauso wie sie meine Fehler und Schwächen.

Wir leben in einer Welt, wo egoistische Korporationen ganz legal immer reicher werden, indem sie Hass und Kriege schüren, die Erde und das Meer aussaugen, Süchte und Lüste wecken, Privateigentum und Gesetzestexte vergöttern. Und die Kirche, die einzige, die uns zumindest theoretisch retten könnte, macht sich selber lächerlich, indem sie stellenweise blanken Unsinn redet.

Nein, damit finde ich mich nicht ab. In so einer Welt will ich nicht mehr leben. Ich bin müde. Ich habe keine Lust mehr. Lieber Gott, ich habe auf diesen Krebs gewartet. Ja, wirf den Motor an und komm mich abholen!

Ja, solche Gedanken habe ich auch.

Nachmittags

Nachricht an Muriel am Montag, 24. Oktober 2022 um 17:48 Uhr.

Gespräch mit dem Arzt nach der laparoskopischen OP heute:

Er war also mit einer Kamerasonde durch ein Loch überm Nabel in meinen Bauch rein. Er hat den Tumor (der innen im Magen ist) von außen „gefühlt“. Zwei Lymphknoten sind geschwollen. Eindeutig ein Krebs. Ansonsten keine Komplikationen, also die Behandlung wird erfolgreich.

Ich fragte ihn, ob es nicht interessant wäre, dass ich mich jetzt auch in Löwen untersuchen lasse? Antowrt: Die werden mir genau das gleiche sagen: Chemotherapie und dann Gastrektomie. Er sieht kein Interesse, dass ich daraus ein privates Forschungsprojekt mache. Die Krankenkasse würde nur so viel zahlen, wie es in Estland kostet, also ich würde viel hinzu zahlen.

Weshalb die Chemo überhaupt nötig sei, wieso nicht einfach gleich Gastrektomie? Weil diese Kombination weltweit die besten Resultate zeigt, basta.

Wenn ich das alles machen lasse, werde ich statistisch betrachtet wieder gesund (ja, ok, ohne Magen, aber krebsfrei). Und als Programmierer im Homeoffice kann ich während der ganzen Behandlung ganztags weiter arbeiten.

Wenn ich es nicht machen lasse, wächst der Tumor weiter bis es dann irgendwann plötzlich zu Ende geht, z.B. wenn er den Magen verschließt oder ein wichtiges Blutgefäß einquetscht.

Für mich ist jetzt klar, dass ich das alles natürlich machen lassen werde. Schade um den Magen, aber es gibt Schlimmeres. Ich könnte das erste Selbsthilfeportal „Leben ohne Magen“ in Estland eröffnen.