Geistiges Eigentum muss abgeschafft werden

Ich glaube, dass geistiges Eigentum als juristisches Konzept abgeschafft werden müsste. Momentan arbeite ich an einem „Manifest“ und versuche, ein Dutzend Leute zusammen zu trommeln, die das Dokument öffentlich unterschreiben.

Natürlich wird mein Vorschlag –wenn überhaupt– ein Riesenprojekt, bei dem ich höchstens eine Nebenrolle als Pionier bzw. Vordenker gespielt haben werde. Ein zeitgemäßer Schritt wäre eigentlich, eine Diskussionsplattform aufzubauen. Aber selbst das habe ich nicht vor, denn es gibt genug Leute, die darin geübter als ich sind, und ich habe genug anderes zu tun. Solange uns also niemand eine bessere Plattform einrichtet, arbeite ich lediglich mit meiner gewohnten Technologie und schreibe in diktatorischer Manier den folgenden Artikel, an dem ich jederzeit und unprotokolliert ändern kann.

Das Lutsu-Manifest

Die momentanen Arbeitsversion (die ich erstmals am 22. Juli auf dem Lutsu-Hof in Südestland formulierte) lautet:

The Lutsu manifesto

We want a world where published content formulated as text, picture, sound, movie or source code may be used and shared by everyone instead of being legally considered private property. This includes publications ranging from simple postings in a public forum to books, songs, movies, scientific reports, patents.

Note that the word copyright is misleading. The laws about what is commonly called „copyright“ are about two very different things. Some copyright laws give the author a right to control how others use his work. We want to abolish these laws. On the other hand there are laws that give the author a right to get acknowledged and honoured. We want to maintain and enforce these laws.

We believe that this change is necessary because regulating the use and sharing of digitally published content has become a Sisyphean task causing absurd laws and requiring hordes of human resources in public administrations.

We are aware that the transition from the current situation will not be easy, especially because some established systems will need to change. For example many national laws must get reviewed, and many enterprises must develop other methods of generating income.

Despite the challenge we believe that a transition is possible and necessary.

We urge our elected politicians and public deciders:

  • to acknowledge the principal necessity of this step,
  • to carefully plan how to change our direction and
  • to reorientate our legislations accordingly.

Dieser Text ist nicht definitiv. Zur Zeit warte ich auf Änderdungsvorschläge.

Lesestoff

Meine Idee ist nicht neu. Mein Beitrag besteht vermutlich darin, dass ich sie einer für alle verständlichen Weise zu formulieren suche, inklusive Demokraten, Kapitalisten und Christen.

Disussionen mit Freunden

Am 19. Juli 2018 schrieb ich auf wemove.eu meine erste Petition an die Europäische Kommission. Diese erste Version meiner Petition war gewiss noch unreif und wird wohl kaum durchkommen. Ich kann sie auch nicht mehr ändern, weil inzwischen immerhin 4 Leute unterschrieben haben. Der Titel lautet „Abolish the notion of intellectual property“, der eigentliche Text lautet:

Realize that intellectual property is an obsolete notion in a world where every human can potentially produce and publish movies, music, articles, software and other results of their creative intellectual work. Start changing legislation against the pressure of current copyright holders towards a better and more human world where any published content is considered common property and free to be re-used. Legislation must protect the author’s right to be honored and reminded as the author, but the autor’s revenue is not a legal issue. There are better ways to motivate creativity and innovation than accounting for the usage of „intellectual property“

Und dann gab es noch ein Feld „Why is this important?“, in dem ich schreibe:

As a result of the digital revolution, legislations which protect the interests of copyright holders are becoming absurd. Enforcing laws that try to account for the usage of „intellectual property“ causes immense work to our juridic systems. Current copyright laws hender creativity and innovation instead of sustaining them.

Ich lud meine deutschsprachigen Freunde ein, mitzudenken bzw. zu unterschreiben: Geistiges Eigentum gibt es nicht. Hier eine Übersicht aus dem Feedback und meinen Anworten.

  • Michael: In der Tat ist es eine sehr verkürzende Analogie, sogenannte Immaterialgüterrechte mit Eigentum an Sachen im Sinne des bürgerlichen Rechts gleichzusetzen. Unbeschadet dieser verfehlten Terminologie gibt es nun aber Immaterialgüterrechte, und auch wenn man über ihren Inhalt und ihre Ausgestaltung streiten kann, kann man ihnen nicht jeglichen Sinn absprechen. Siehe z.B. freie Software, wo der Autor seine Rechte nutzt, um sein Werk als frei zu veröffentlichen. Oder dass die Norm „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ (Art. 14 Absatz 2 des Grundgesetzes) auch für Immaterialgüterrechte entsprechend gilt.

    Luc: Einverstanden. „Sinnlos“ ist das falsche Wort.

  • Michael: Auch wenn es nicht so „sexy“ ist: Statt radikaler Ansätze, „das Kind“ revolutionär „mit dem Bade auszuschütten“, erscheint mir ein reformerischer Ansatz in Bezug auf eine allgemeine Akzeptanz erfolgversprechender. Dies setzt allerdings eine lange und intensive Diskussion - auch von vielen Detailfragen - voraus.

    Luc: Da habe ich mich offenbar unklar ausgedrückt. Ich plädiere nicht für Revolution, sondern würde es eher als eine Umkehr bezeichnen, eine prinzipielle und resolute Weichenstellung auf höchster Ebene, deren Auswirkungen dann vorsichtig nach und nach angewandt werden.

  • Ralf: Das mit dem geistigen Eigentum kann man nicht pauschalieren. Es sollte Verbesserungen geben. Z.B. Diese 75 Jahre nach dem Tod des Autors sind sowas von daneben… Eine pauschale Aufhebung würde Millionen von Arbeitsplätzen vernichten.

    Luc: Ich fürchte, dass man das pauschalisieren muss, weil die Grenzen zwischen Text, Bild, Ton und Quellcode fließend sind.

  • Ralf: Viele Dinge/Lösungen würden nicht existieren, wenn es keine -zeitlich befristeten - Monopole gäbe, die den Aufwand und den Unternehmerlohn und die Querfinanzierung von anderen Projekten sicherstellen.

    Luc: Ja, z.B. manche Filme und manche Medikamente gäbe es dann nicht. Aber ich glaube, dass das kein wirkliches Problem wäre.

    Doch, es gibt andere Systeme, um das alles zu finanzieren. Zum Beispiel eine Steuer und ein Applauszähler. Wenn dir ein Inhalt gefällt, erweist du dem Autor virtuellen Applaus, und das System verteilt deinen Steueranteil an die Autoren, denen du applaudiert hast.

    Das ist aber jetzt nur eine Idee, ich bin sicher, dass Lösungen schnell kommen, wenn nur der Wille da ist.

  • Ralf: Alles schon seit Jahrzehnten diskutiert und Verbesserungen gibt es immer - aber wie so immer im Leben nicht durch pauschale Lösungen und Simplifizierungen der Sachverhalte.

    Luc: Einverstanden, dass diese Umkehr ein enormes Projekt wäre, weil sie ziemlich viel ändern würde. Muss also gut und vorsichtig geplant werden.

    Ja, die Grundidee ist simpel: Wir haben damals ein Konzept „geistiges Eigentum“ geschaffen, das in der Tat Investitionen ermöglicht und seiner Zeit der Menschheit wohl auch manchen Vorteil gebracht hat, die Idee war ja nicht dumm, aber heute ist die Nutzung und das Teilen und Wiederverwerten geistigen Eigentums so einfach geworden, dass niemand mehr darüber buchhalten kann.

    Das ist als würden wir auch gesprochene Worte zu einer neuen Form von geistigem Eigentum erklären. Die Nutzung „geistigen Eigentums“ zu zählen ist eine Sisyphusarbeit.

    Ich als Bürger bin nicht mehr einverstanden, dass der Verwaltungsapparat meines Staates diese Sisyphusarbeit für die Reichen macht. Ich habe nichts gegen Reiche per se, aber ich habe was gegen Systeme, für die alle bezahlen müssen und von denen nur einige profitieren.

    Wenn eine Filmgesellschaft das Kopieren ihres teuer produzierten Films mit DRM oder sonstwie regulieren will, um mit Hilfe von Nutzungseinschränkungen Geld zu machen, dann sollen sie das von mir aus gerne tun, aber bitteschön ohne auf eigene Kappe und ohne meine finanzielle Unterstützung. Wenn jemand den Kopierschutz umgeht und den Film umsonst verteilt oder gar sein eigenes Geld verdient, dann soll die Filmgesellschaft sich gefälligst selber eine Lösung einfallen lassen, um ihr Geld zu verdienen, statt das Kopieren als kriminell zu bezeichnen und unsere Juristen und Polizisten und Politiker zu belästigen.

  • Ralf: Mmh, Applauszähler, Downloadzähler, Klickzähler… und die darauf folgenden Auszahlungen aus Steuergeldern gestaffelt und festgelegt nach Gutdünken von Wem? Also ich habe keine Lust, über mein Steuergeld den nächsten Rambofilm zu finanzieren für irgendwelche Hohlköpfe.

    Luc: Ich würde auch kein Geld in den nächsten Rambofilm stecken. Aber Ly hat vorige Woche „Alice im Wunderland“ für Iiris gekauft. Ich schätze mal, dass die gleiche Filmgesellschaft auch Filme produziert, die ich nicht gut finde.

    Ja sicher muss dann eine Institution die Auszahlungen aus Steuergeldern an die Autoren kontrollieren. Und diese Institution muss vertrauenswürdig sein. Die Frage, wie mein Geld verwendet wird, kann nur demokratisch geschehen, wenn sie nicht nach Gutdünken einer Gruppe sein soll. Unsere Staaten und öffentlichen Dienste sind die einzigen Gruppen, die das zumindest versuchen. Einverstanden, dass sie es nicht immer schaffen und dass manchmal ein ganzer Staat außer Kontrolle gerät (bzw. unter Kontrolle eines Diktators oder einer undemokratischen Gruppe). Ich vertraue lieber meinem Staat als einer Filmgesellschaft.

  • Ralf: „Ich vertraue lieber meinem Staat als einer Filmgesellschaft.“ Wenn es nur eine Filmgesellschaft wäre, gäbe ich Dir in Deutschland vielleicht noch meine Zustimmung. Tatsächlich sorgt aber ein guter Staat dafür, dass der Markt durch eine Vielzahl von Rechteinhabern belebt wird. Wenn er das nicht schafft, sollte man ihm überhaupt nicht mehr trauen. Und wenn er es schafft, dann vertraue ich den Marktkräften mehr als dem Staat, die Ressourcen so zu verteilen wie es allen am besten nützt. Zudem: Der Staat verfolgt willkürliche Ideologien Unternehmen aber nur das leicht zu steuernde und kontrollierende Gewinnstreben. Ich kann kaum glauben, dass Dein gutgläubiges Staatsvertrauen in Estland auf viel Gegenliebe stößt.

  • Luc: Das sind keine „willkürlichen Ideologien“, sondern eine als Grundgesetz vereinbarte Wertesammlung. Und das Gewinnstreben ist eben nicht mehr steuerbar, wenn Unternehmen einzelne Staaten an Macht übertreffen. Ich will keine Gesellschaft, in der Gewinnstreben der höchste Herrscher ist.

  • Ralf: Eine pauschale Aufhebung würde nur im Kommunismus passen, wo auch niemand Eigentumsrechte an irgendwelcher Arbeit hätte und eine übergeordnete Instanz für Gerechtigkeit der Belohnung… und Zensur sorgen würde!

  • Luc : Ich sehe das nicht als Rückkehr zum Kommunismus, sondern als Umkehr bzw. als die Einsicht, dass einer der Äste, auf denen wir sitzen, unser Wachstum mehr behindert als unterstützt. Ich finde, dass dieser Ast weg muss. Natürlich nicht ohne vorher unser Gewicht zu verlagern. In der momentanen Diskussion um Copyright-Reform wird aber das Gegenteil getan: wir klammern uns noch mehr an diesem Ast fest.

  • Ralf: Lessig ist auch nicht für die Abschaffung aller Rechte am geistigen Eigentum. Sein Buch hat er selbst unter einer Lizenz veröffentlich, die nur sprachliche Kopien von Auszügen erlaubte. „Einen Tag nach Veröffentlichung des Buches im Internet schlug der Autor eines populären Blogs vor, dass Leute sich ein Kapitel aussuchen, sprechen und aufnehmen sollten. Zum Teil geschah dies, weil es nach der Lizenz möglich war. Bereits zwei Tage später war der größte Teil des Buches aufgenommen.“

    Luc: Ja, Lessig und die Creative Commons (und übrigens auch die Wikimedia Foundation) würden meine Petition nicht unterschreiben, weil sie nicht so radikal sein wollen. Das ist Diplomatie.

Fotos

Dieses Bild habe ich beim einem Floklorefestivel in Estand gemacht. Gemeinsames Singen und Tanzen ist freilich nur eine von vielen Aktivitäten, die durch absurde Gesetze auf immer mehr juristische Hindernisse stoßen.