Hinaus mit den Korinthenkackern!?

Sonntag, 8. März 2026

Die estnischen Wikipedianer streiten mal wieder. Und ich finde das mal wieder interessant. Aber glaubt nicht, dass ich eine Lösung hätte. Nicht einmal eine klare Meinung habe ich. Hier nur ein paar Beobachtungen.

Die Diskussion Viimatisest juhatuse koosolekust ja üldisemalt ka begann vor 2 Tagen, als Teele in der Mailingliste schrieb:

Hallo, liebe Mitglieder der VoG! Die Zeit bis zur Frühjahrsversammlung ist gekommen. Ich leite euch das Protokoll der letzten Vorstandssitzung weiter, das die meisten Mitglieder vermutlich nicht finden können. (…)

Ich erspare euch die Details, es geht diesmal konkret darum, dass der Vorstand ein neues Vorstandsmitglied schon intern ausgewählt hat und auf der Vollversammlung lediglich vorschlagen will, was dann höchstwahrscheinlich von der Mehrheit widerspruchslos bestätigt werden wird. Teele meint jedoch, dass alle Mitglieder zumindest die Möglichkeit haben müssen, sich schon im Vorfeld der Versammlung eine Meinung über das neue Vorstandsmitglied zu bilden. Womit sie ja nicht Unrecht hat.

Schon Teeles Bemerkung, dass „die meisten Mitglieder das Protokoll vermutlich nicht finden können“, gibt den Ton an. Sie wirft der Vereinsleitung vor, im Dunkeln zu arbeiten und gewisse Leute bewusst auszuschließen. Also Elitarismus und mangelnde Transparenz.

Ivo reagiert empfindlich (er und Teele erinnern mich immer wieder an ein geschiedenes Ehepaar):

Wenn wir über Organisationskultur sprechen, dann ist ständiges Reden darüber, was alles schlecht läuft und was falsch gemacht wird, genau die Kultur, die vermieden werden sollte. Dies gilt insbesondere für eine ehrenamtlich getragene Organisation, in der es besonders wichtig ist, Menschen zu unterstützen und zu ermutigen. Ständig Zweifel zu säen und die Aktivitäten anderer zu kritisieren, weckt weder Interesse noch den Wunsch, sich zu engagieren. Ganz abgesehen davon, dass dies in mehreren Punkten einen Verstoß gegen den allgemeinen Verhaltenskodex von Wikimedia darstellen kann.

Robert zeigt Kompetenz als Vorstandsvorsitzender. Er bleibt die Ruhe in Person und antwortet sachlich und ausführlich auf die konkreten Vorwürfe in Teeles Nachricht.

Daria greift schlichtend ein:

Jetzt hört mal, der Vorschlag, sich zu treffen und zu diskutieren, ist sicherlich konstruktiv und sollte unterstützt werden. Ich habe jedoch einen Vorschlag für Teele: Sie sollte eine schriftliche Zusammenfassung Punkt für Punkt erstellen, in der sie darlegt, was derzeit beim Verfahren zur Einreichung und Auswahl von Kandidaten für Mitglieder und Vorstandsmitglieder dieser NGO schiefläuft und welche Lösungen vorgeschlagen werden.

Ja, Daria ist Wissenschaftlerin und die Neue im Vorstand, sie glaubt noch an den gesunden Menschenverstand. Wie schön! Ich fürchte nur, dass der Fall unser aller Verstand übersteigt. Immerhin hat ja sogar der Journalist von Levila (siehe unten) es nicht geschafft, eine „schriftliche Zusammenfassung Punkt für Punkt“ zu schreiben, die Ivo gut fände.

Teele beendete ihre Mail mit einem ganz anderen Thema, das wie ein Ziegelstein auf eine Wasserfläche wirkt:

Abschließend füge ich einen Link zu dem Beitrag in der Allgemeinen Diskussion von Wikipedia hinzu: https://et.wikipedia.org/wiki/Vikipeedia:%C3%9Cldine_arutelu#U4C_request_about_local_chapter Das Koordinierungskomitee für den Universellen Verhaltenskodex (U4C) hat einen offiziellen Antrag an Wikimedia Estonia gestellt.

Dieser Antrag des U4C an das estnische Chapter ist in der Tat eine heikle Sache. Wenn die momentane Vereinsleitung (Robert, Ivo und Daria) es nicht schaffen, die Bedenken des U4C befriedigend zu beantworten, riskiert die WMEE (Wikimedia Eesti, also das estnische Chapter), ihre Zuschüsse der internationalen Wikimedia-Stiftung gekürzt zu bekommen. Das wäre ein großer Verlust, denn das Chapter macht –ganz offenbar– gute und wichtige Arbeit.

Die Anfrage des U4C wurde nicht zuletzt ausgelöst durch einen umstrittenen Artikel Nohikute tüli. Pilk Vikipeedia tagatuppa („Wenn Nerds streiten. Ein Blick in die Hinterstube der Wikipedia“) in der Online-Zeitung Levila, die bekannt dafür ist, dass sie heikle Themen aufgreift.

Ivo, schlagfertig wie immer, bezeichnet den Artikel als Hetzkampagne und die Vorwürfe als falsche Anschuldigungen:

Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass Levila kein klassischer Medienkanal, sondern eher ein Blog ist. Daher kann man nicht erwarten, dass er journalistischen Standards entspricht, was ihn zu einem geeigneten Forum für diese Verleumdungskampagne macht, die wir bereits ertragen mussten. Wenn die Frage also lautet: „Warum haben wir nichts zur Verbesserung unserer Führung unternommen?“, dann, na ja, lässt sich nun einmal nicht viel tun, wenn man falschen Anschuldigungen ausgesetzt ist.

Ich selber finde den Artikel eher aufschlussreich und hatte ihn vor knapp einem Jahr aussführlich in meinem estnischen Blog kommentiert Tegijal juhtub, Levila uuris Vikipedistide hingeelu und Tülitsemine on hea asi).

Für mich geht es um mehr als um die estnischen Wikipedianer. Ich erkenne in dem Streit die gleichen Muster wie im aktuellen politischen Weltgeschehen oder das, was innerhalb der römisch-katholischen Kirche abläuft: Darf man schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen? Was gehört an die Öffentlichkeit und was nicht? Darf man einen Maestro kritisieren? Wieviel Entscheidungsbefugnis darf eine Einzelperson haben? Wieviel darf Diversität kosten?

Ich hatte damals vorgeschlagen, eine Arbeitsgruppe zu gründen, die als Richter fungiert, wenn ein Mitglied sich über Verletzung des UCoC (Allgemeiner Verhaltenskodex der Wikimedia-Stiftung) beschwert. Die einzige „Macht“ dieser Gruppe bestünde darin, dass deren Beschlüsse als offizielle Verlautbarungen gelten und auf der Webseite der Vereinigung veröffentlicht werden.

Oje, und jetzt fragt Robert mich, ob ich als „Vertrauensperson“ kandidieren möchte. Das wäre ja ein erster Schritt in Richtung meines Vorschlags.

Ich empfinde Roberts Frage als Kompliment und habe mehrere Tage lang darüber nachgedacht, ob ich die Ehre annehmen soll. Aber inzwischen vermute ich, dass ich nicht kandidieren werde.

Denn der Fall erinnert mich doch zu stark an meine Episode als Kontaktperson für Estland auf der Weltsynode der römisch-katholischen Kirche. Aus meiner Arbeitsgruppe ist ein verschwiegener Treuhänder geworden, der als Vermittler und Schlichter zwischen den Streithähnen fungiert, der bei Bedarf Empfehlungen macht zu „Änderungen in der Organisation der Vereinsarbeit, der Kommunikationskultur, des Managements und sonstigen Maßnahmen“ und schlimmstenfalls („bei Feststellung wiederkehrender Verstöße“) den Vorstand oder die Aufsichtsbehörde „in allgemeiner und anonymer Form informieren kann.“ Das Ziel dieser Vertrauensperson besteht ausdrücklich nicht darin, „unvereinbare Personen einander anzupassen“, sondern „die Meinungsfreiheit und ein friedliches Arbeitsklima im Unternehmen zu gewährleisten“. Also Konflikte unter den Teppich kehren statt sie zu lösen, Vertröstung statt Versöhnung, diskrete Verschwiegenheit statt offene Debatte. Nein, dafür riskiere ich nicht nochmal meine Gesundheit!

Es kann sein, dass jede größere Institution so funktionieren muss, wie Ivo und Robert uns das zeigen. Aber ich werde mich an diesen modus vivendi nicht gewöhnen, ich habe zu viel Mitleid mit Leuten wie Teele, die sich engagieren und dann als Korinthenkacker dastehen, der durch sein Geschrei die anderen vom Arbeiten abhält. Zur Vollversammlung werde ich ihr meine Stimme geben (ich selber kann nicht teilnehmen), weil ich sie als wichtigen Gegenpol sehe.