Die Bibel ist nicht das Wort Gottes

Ich finde es eine leider recht tief verwurzelte Unsitte, die Bibel als das „Wort Gottes“ zu bezeichnen. Ich finde, wir sollten die Verwendung des Begriffs in diesem Kontext abschaffen. Wir Christen sollten aufhören, die folgenden beiden Konzepte in den gleichen Topf zu werfen:

  1. Die Frohe Botschaft, das Evangelium, das Wort Gottes
  2. Die Bibel, die Heilige Schrift, die Evangelien

Beide Begriffe sind eng miteinander verknüpft: Die Bibel berichtet, wie das Wort Gottes an Menschen erging und was daraufhin geschah, sie ist die einzige verbindliche Informationsquelle über Jesus Christus, sie ist die Heilige Schrift der Christen und die Grundlage des christlichen Glaubens. Sie ist ein wunderbar reicher Schatz an Weisheiten, der sich über Jahrtausende entwickelt hat, wir dürfen sie als Offenbarung Gottes verehren und sie benutzen, um mit Gott in Verbindung zu treten und sein Wort zu erfahren.

Aber das Eine ist eben nicht das Andere. So wie keine Liebesgeschichte die Liebe ersetzen kann, von der sie erzählt, so kann auch die Bibel nicht das Wort Gottes ersetzen. Das Wort Gottes lässt sich nicht in Menschenworte fassen. Das Wort ist „Fleisch“ geworden, nicht „Buch“. Die Frohe Botschaft ist zeitlos und ewig, während Heilige Schriften immer im geschichtlichen Kontext eines Volkes zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift gelesen werden müssen.

Diese Vermischung der beiden Konzepte hat freilich tiefe Wurzeln: sie steht im Alten Testament. Dort werden die beiden Konzepte immer wieder in den gleichen Topf geworfen, denn für die Alten Juden gab es da keinen Unterschied. Für sie war klar: Gott spricht zu uns durch die Heilige Schrift. Was dort nicht geschrieben steht, ist nicht von Gott. Es ist ganz logisch, dass sie für beide Konzepte das gleiche Wort verwendeten.

Ich höre manchmal den Einwand „Das ist doch lediglich ein Wortschatzproblem. Diese Dinge sind viel zu komplex, als dass man sich wegen einer Wortschatzfrage so aufregen sollte.“ Aber diese Vermengung der Konzepte hatte fundamentale Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik: Wer die Schriften nicht in- und auswendig kannte, der hatte kein Recht, Aussagen über gut und böse zu machen. Fast alle Macht lag in den Händen der Schriftgelehrten.

Jesus Christus hatte doch eigentlich klar gestellt, dass es so nicht geht. Er kam, um uns zu retten vor den selbsternannten Polizisten Gottes, die glauben, seinen Rat ergründet zu haben und mit ihrer Heiligen Schrift als verbindlicher Abschrift seines Wortes herumwedeln zu müssen. Jesus Christus verkörpert die neue Idee, dass Glaube nicht durch menschliche Gesetze festgeschrieben werden kann, sondern Ursprung unserer Gesetze ist, dass das Gesetz für den Menschen gemacht ist und nicht umgekehrt, dass Gottes Wort mehr ist als Heilige Schrift. Jesu Geschichte verschweigt nicht, wie er etablierte Machtstrukturen zum Wanken bringt und auf welch tödlichen Widerstand er dabei stõßt. Aber die Geschichte hat ein Happy End, denn sie erzählt auch, wie Jesus seiner Lebensaufgabe bis zum Tod am Kreuz treu bleibt, wie Gott ihn auferstehen lässt und dadurch die im jüdischen Volk gewachsene Heilsgeschichte auf alle Völker ausdehnt. Jesus Christus hat definitiv bewiesen, dass ein Menschenleben mit dem Tod noch lange nicht zu Ende ist. Das ist die Frohe Botschaft! [1]

Das Problem wurde wieder akut, als Martin Luther über eine Alternative für den Papst nachdachte. Sein Gedankengang war nachvollziehbar: wenn wir keinen Papst wollen, dann brauchen wir etwas anderes, das als oberste Autorität in Glaubensfragen fungiert. So schlug er die Bibel als jene oberste Autorität vor. Ich will jetzt hier gar nicht unbedingt für eine weltweite Rückkehr zum Papsttum argumentieren, aber Luthers Vorschlag hat eine fatale Nebenwirkung. Bis heute berufen sich protestantische Gemeinden und Kirchen auf die Autorität der Bibel in allen Glaubensfragen, manche bezeichnen sie sogar als „irrtumsfrei“. Neue Schriftgelehrte verbreiten weltweit und recht erfolgreich einen Bibelfetischismus, der die Heilige Schrift wieder mit Gottes Wort gleichsetzt wie im Alten Testament.

Durch diesen Bibelfetischismus wird Gottes Wort lächerlich gemacht, weil es nach heutigem Wissensstand nun mal lächerlich ist zu behaupten, Gott habe uns nicht mehr zu sagen als das, was in der Bibel steht. Diese lächerliche Karikatur der Bibel wird ganz zu Recht von vielen Menschen verworfen.

Das wäre lustig, wenn es nicht so dramatisch wäre. Wenn lächerliche Karikaturen der Frohen Botschaft dazu führen, dass wohlwollende Menschen sich angeekelt abwenden von jeder weiteren Suche nach Gott, dann wird dabei das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Denn die Frohe Botschaft (von der nicht nur die Bibel, sondern die Heiligen Schriften vieler Religionen zeugt) ist ganz offenbar der einzige Weg zum langfristigen Überleben der Menschheit auf diesem Planeten. Es gibt ganz offenbar Botschaften und Glaubenslehren, die ins Verderben statt zum Heil führen.

Wie könnte man eine so tief verwurzelte Formulierung „abschaffen“? Durch Klarstellung. Durch Texte wie diesen. Dieser Text ist ein öffentlicher Aufruf an die diversen Führungsgremien der christlichen Kirchen: denkt darüber nach und erwägt die Möglichkeit, dass ein Hobbytheologe etwas erkannt haben könnte, das vielen Profis bisher verborgen war.

Fussnoten

[1]: „Das“ ist sie natürlich auch nicht. Natürlich ist die Frohe Botschaft noch viel mehr als dieser Abschnitt. Ich habe lediglich eine Zusammenfassung geschrieben, die mir hier gerade in den Kram passt. Natürlich bleibt bleibt dieser ganze Artikel hier lediglich meine Meinung.

Andere Quellen

Die Deutsche Bibelgesellschaft (die-bibel.de) erklärt das Problem wie folgt: Judentum und Christentum nennen die Bibel auch „Wort Gottes“, „Heilige Schrift“ oder „vom heiligen Geist durchdrungen“. Das führt manchmal zu dem Missverständnis, Gott habe die Bibel sozusagen Wort für Wort „diktiert“. Die Bibel selbst zeichnet hier jedoch ein ganz anderes Bild. So erzählt z.B. der Anfang des Lukasevangeliums ganz offen von dem komplizierten und offensichtlich nicht immer im gewünschten Maß zuverlässigen Prozess der Weitergabe der Botschaft Jesu, der den Verfasser des Evangeliums dazu gebracht hat, „all diesen Überlieferungen bis hin zu den ersten Anfängen“ selbst „sorgfältig nachzugehen“, um sie sodann „in der rechten Ordnung und Abfolge niederzuschreiben“ (Lukas 1,3).

Es geht mir wohlgemerkt nur um die Bezeichnung „Wort Gottes“, nicht um die beiden anderen Formulierungen „Heilige Schrift“ oder „vom heiligen Geist durchdrungen“. Nur die erstgenannte Formulierung führt zum erwähnten Missverständnis.

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) ist ein Beispiel für das, was mit der Frohen Botschaft passiert, wenn die Christen nicht aufhören, sie durch übertriebenen Bibelfetischismus lächerlich zu machen.

Bibelzitate

  • Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des HERRN. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken. Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe. (Jes 55,8-11)
  • Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten (Mk 4,33)
  • Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. (Hebräer 4:12)
  • Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt. (2 Timotheus 3:16-17)
  • Dein Wort ist meines Fußes Leuchte / und ein Licht auf meinem Wege. (Psalm 119:105)
  • Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst. (Jakobus 1:22)
  • Wie wird ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält an dein Wort. (Psalm 119:9)
  • Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. (Jesaja 40:8)
  • Er aber sprach: Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren. (Lukas 11:28)
  • Gottes Weg ist vollkommen, das Wort des HERRN ist durchläutert. Er ist ein Schild allen, die ihm vertrauen. (Psalm 18:31)
  • Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. (Matthäus 7:24)
  • Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. (Matthäus 24:35)
  • Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel, damit ihr ohne Tadel und lauter seid, Gottes Kinder, ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens. (Philipper 2:14-16a)
  • Wenn dein Wort offenbar wird, so erleuchtet es und macht klug die Unverständigen. (Psalm 119:130)
  • Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht. (Matthäus 4:4)
  • Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (Johannes 1:1)
  • Denn des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss. (Psalm 33:4)
  • Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. (Johannes 7:38)
  • Ich will Gottes Wort rühmen; auf Gott will ich hoffen und mich nicht fürchten. Was können mir Menschen tun? (Psalm 56:5)
  • Und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, auf dass ihr durch sie wachset zum Heil. (1 Petrus 2:2)
  • Denn der HERR gibt Weisheit, und aus seinem Munde kommt Erkenntnis und Einsicht. (Sprüche 2:6)
  • Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8:31-32)
  • Darum legt ab alle Unsauberkeit und alle Bosheit und nehmt das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist und Kraft hat, eure Seelen selig zu machen. (Jakobus 1:21)
  • Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf dass er dir kundtäte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht. (5 Mose 8:3)
  • Du gibst mir den Schild deines Heils, und deine Rechte stärkt mich, und deine Huld macht mich groß. Du gibst meinen Schritten weiten Raum, dass meine Knöchel nicht wanken. (Psalm 18:36-37)
  • Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1:14)
  • Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe. (Hebräer 1:3)