Die Bibel ist nicht das Wort Gottes

Ich finde es eine leider recht tief verwurzelte Unsitte, die Bibel als das „Wort Gottes“ zu bezeichnen. Ich finde, wir sollten diese Formulierung abschaffen.

Die Bibel berichtet, wie das Wort Gottes an Menschen erging und was daraufhin geschah, sie ist unsere Heilige Schrift und die Grundlage unseres Glaubens, wir dürfen sie als Offenbarung Gottes sehen und sie benutzen, um mit Gott in Verbindung zu treten, sie ist ein wunderbar reicher Schatz… aber sie ist nicht „das Wort Gottes“. Das Wort Gottes lässt sich nicht in Menschenworte fassen. Das Wort ist „Fleisch“ geworden, nicht „Buch“.

So wie keine Liebesgeschichte die Liebe ersetzen kann, von der sie erzählt, so kann auch die Bibel nicht das Wort Gottes ersetzen.

Die Deutsche Bibelgesellschaft (die-bibel.de) erklärt das Problem wie folgt:

Judentum und Christentum nennen die Bibel auch »Wort Gottes«, »Heilige Schrift« oder »vom heiligen Geist durchdrungen«. Das führt manchmal zu dem Missverständnis, Gott habe die Bibel sozusagen Wort für Wort »diktiert«. Die Bibel selbst zeichnet hier jedoch ein ganz anderes Bild.

So erzählt z.B. der Anfang des Lukasevangeliums ganz offen von dem komplizierten und offensichtlich nicht immer im gewünschten Maß zuverlässigen Prozess der Weitergabe der Botschaft Jesu, der den Verfasser des Evangeliums dazu gebracht hat, »all diesen Überlieferungen bis hin zu den ersten Anfängen« selbst »sorgfältig nachzugehen«, um sie sodann »in der rechten Ordnung und Abfolge niederzuschreiben« (Lukas 1,3).

Es geht mir wohlgemerkt nur um die Bezeichnung „Wort Gottes“, nicht um die beiden anderen Formulierungen „Heilige Schrift“ oder „vom heiligen Geist durchdrungen“. Nur die erstgenannte Formulierung führt zum erwähnten Missverständnis.

Das Problem ist entstanden, als Martin Luther über eine Alternative für den Papst nachdachte. Sein Gedankengang war nachvollziehbar: wenn wir keinen Papst wollen, dann brauchen wir etwas anderes, das als oberste Autorität in Glaubensfragen fungiert. So schlug er die Bibel als jene oberste Autorität vor. Und sein Vorschlag hatte Erfolg: bis heute berufen sich protestantische Gemeinden und Kirchen auf die Autorität der Bibel in allen Glaubensfragen, manche bezeichnen sie sogar als „irrtumsfrei“.

Aber das war ein Schuss ins Knie, ein Fehler, der leider bis heute noch nicht von allen als solcher erkannt wird.

Wie kann man eine so tief verwurzelte Formulierung „abschaffen“? Durch Klarstellung. Durch Texte wie diesen. Mein Text ist ein öffentlicher Aufruf an den Papst, den Patriarchen und die diversen Führungsgremien der anderen christlichen Kirchen: bitte denkt darüber nach und erwägt die Möglichkeit, dass ein kleiner Hobbytheologe etwas erkennt, das vielen Profis verborgen bleibt.

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