Warum ich Christ bin

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Welchen Sinn ich im Wunder des Lebens sehe? Nun ja, wissenschaftlich betrachtet lautet die Antwort ja 42, aber das Problem ist die Frage, nicht die Antwort (wie Douglas Adams so genial beschreibt).

Wir fragen nach dem Sinn unseres Lebens, aber die Frage ist absurd, denn ein System hat einen „Sinn“ immer nur von außen betrachtet. Als es noch Sklaverei gab, konnte man fragen, ob ein bestimmter Sklave einen „Sinn“ hat oder nicht. Weil ich ein freier Mensch bin, hat mein Leben nur Sinn, wenn die ganze Menschheit Sinn hat. Die wiederum hat nur Sinn, wenn die ganze sichtbare Welt (das Universum) einen Sinn hat. Dazu müsste es -wenn schon- eine Welt außerhalb dieser sichtbaren Welt geben.

Wir können diese hypothetische Welt „Gottesreich“ nennen oder „Mutter Erde“ oder sonstwie, wichtig ist, dass wir uns dessen bewusst sind, dass sie eine Hypothese ist, also dass alles Folgende „nur“ Philosophie ist.

Wir wissen es wirklich nicht

Ob Gott existiert oder nicht, das ist und bleibt für alle Menschen definitiv Hypothese. Wir können weder seine Existenz noch seine Nichtexistenz beweisen.

So wie ein Apfelbaum nicht begreifen kann, was ein Gärtner ist, oder so wie ein Wassermolekül nicht begreifen kann, was eine Leberzelle ist, oder so wie eine Leberzelle nicht begreifen kann, was ein Mensch ist, genau so kann ein Mensch nicht begreifen, was Gott ist.

Um es noch mit einem anderen Bild zu veranschaulichen: kann denn ein Kind, das im Mutterleib heranwächst, sich unsere Welt vorstellen? Es kann etwas davon ahnen, wenn seine Sinne zu funktionieren beginnen und es die Bewegungen der Mutter oder Geräusche von außerhalb wahrnimmt. Aber insgesamt ist unsere Welt völlig unbegreifbar für Föten. Ebenso könnte es sein, dass es eine Welt außerhalb der für uns «sichtbaren» Welt gibt, die für uns völlig unbegreifbar ist, und in der wir nach unserem irdischen Tode in einer Form weiterleben, über die wir aber unmöglich schon vor unserem Tode Näheres erfahren werden.

Die Frage «Existiert Gott?» ist also weder wissenschaftlich noch rationell mit einem Ja oder Nein beantwortbar. Es gibt keine Studie, die Gott wissenschaftlich korrekt beweist oder widerlegt.

Wer das kapiert hat, der darf mit Sokrates sagen „Ich weiß, dass ich es nicht weiß“.

Eine wichtige Frage

Das Problem mit dieser unbeantwortbaren Frage der Gottesexistenz ist, dass jeder sie insgeheim trotzdem beantwortet. Denn was man weiß und was man glaubt, das sind zwei sehr verschiedene Dinge.

Agnostiker sagen, dass die Gottesfrage unwichtig ist. Aber ich glaube, dass Agnostizismus in der Praxis nicht machbar ist, weil unser Gehirn sozusagen keinen Parallelprozessor hat. Unser Denken versagt, wenn wir diese Frage offen lassen, weil die Antwort darauf zu viele andere Entscheidungen beeinflusst.

Das wäre als wärest du Kapitän eines Linienschiffes mitten auf dem Ozean und wüsstest momentan nicht, ob du auf dem Weg nach New York bist oder auf der Rückfahrt. Es hat keinen Sinn, weiter zu fahren, solange du diese Frage nicht geklärt hast.

Oder das wäre, als versuchte jemand, eine neue Form der Mathematik zu begründen, ohne sich zu entscheiden, ob 1 + 1 = 2 ist oder nicht (die klassische Mathematik beruht auf dieser unbeweisbaren Hypothese; daneben gibt es verschiedene Varianten der Mathematik, die diese Hypothese verneinen (was weniger intuitiv ist, aber nicht unmöglich); aber man kann die Frage nicht einfach offen lassen).

Unsere persönliche hypothetische Antwort auf die Gottesfrage hat tief greifende Konsequenzen auf quasi alle unsere täglichen Entscheidungen. Denn unabhängig von theoretischen Denkkonstrukten leben wir in der Wirklichkeit und handeln bewusst und unbewusst entweder in die eine oder die andere Richtung.

Also auch wenn ich weiß, dass ich es nicht weiß: die Wirklichkeit fordert von mir Entscheidungen, und ich kann mich nicht daran vorbei mogeln.

So tun als ob

An Gott zu glauben bedeutet für mich zunächst, dass ich zumindest bereit bin, mir vorzustellen, dass es einen Gott gibt.

Also dass ich sagen kann „Ich weiß nicht, ob Gott existiert, aber ich so tu so als ob“. Wobei ich mit „Gott“ ein höheres Wesen meine, das per definitionem außerhalb menschlichen Denkvermögens liegt, das größer ist als alles was wir Menschen je begreifen können.

Ich finde das überhaupt nicht unwissenschaftlich, weil die Alternative (nämlich so zu tun, als ob Gott nicht existiere) genau so hypothetisch ist. Insbesondere Atheisten (also Leute, die an Gottes Nichtexistenz glauben) halten sich gelegentlich für rationaler als alle Gläubigen. Was ich überheblich finde.

Das ist auch kein Selbstbetrug, weil ich mich bewusst für diese Hypothese entschieden habe. Jeder Mensch tut oft so als ob irgendwelche Hypothesen stimmen, die er gar nicht beweisen kann. Und von denen er sogar vergisst, dass es nur Hypothesen sind.

Scheinbar glauben heutzutage viele Menschen, dass man sich an der Frage nach Gott vorbei mogeln kann. Sie weigern sich, eine bestimmte Glaubenskultur zu praktizieren. Sie bezeichnen sich stolz als „aufgeklärt“ und uns Gläubige abwertend als „abergläubisch“. Ich finde, dass das Selbstbetrug ist. „Ungläubige“ sind genau so „abergläubisch“ wie „Gläubige“.

Meinen Glauben kultivieren

Wir alle schwimmen bei den existentiellen Glaubensfragen im „Strom unserer Zeit“ mit. Wir begegnen anderen Menschen, deren Verhalten wir wahrnehmen, und mit denen wir eventuell auch ansatzweise über solche Fragen reden, und unsere intuitive Antwort (das, was wir glauben) wird durch diese Erfahrungen „kultiviert“. Sie „wächst“ und entwickelt sich ständig. In die eine oder andere Richtung.

Religiös sein bedeutet für mich, dass ich einen Teil meiner Zeit mit „Glaubenstraining“ verbringe, d.h. mit geistigen Tätigkeiten wie Beten oder Bibellesen, und dass ich mich auch regelmäßig mit anderen Leuten treffe, die so was machen.

Wenn wir unseren Glauben nicht bewusst durch einen von uns gewählten Trainer kultivieren lassen, dann übernehmen andere Akteure diese Aufgabe: eine Partei, ein Fernsehsender, ein Buchautor.

Die Qual der Wahl

Wir sind ja eine relativ aufgeklärte Zeit in dem Sinne, dass wir relativ frei entscheiden können, wem wir bei solchen Fragen vertrauen und wem nicht. Die nächste Frage ist also, wen ich zu meinem Trainer wähle, von wem ich den Garten meines Glaubens kultivieren lasse.

Glaubenslehrer jeder Religion unterliegen der menschlichen Versuchung, sich für besser als diejenigen zu halten, die weniger beten und über Gott nachdenken.

Das Christentum ist die einzige Religion, die in ihrer Heiligen Schrift eine kritische Haltung gegenüber Glaubenslehrern lehrt.

Philosophen und Fundamentalisten

Es gibt sowohl unter Atheisten wie unter Gläubigen Leute, die ein Problem mit der Aussage „Ich weiß nicht, ob Gott existiert“ haben. Das ist, weil die eine andere Definition von „Wissen“ haben. Das ist, weil die Grenze zwischen Wissen und Glauben nicht klar definiert ist und es wahrscheinlich nie sein wird.