Gespräch über Homo- und Transsexualität¶
Ein Freund schrieb mir:
Die so genannte „Sexualität“ ist als Konzept ziemlich neu, so ca. 19. Jahrhundert. Man kann nachweisen, dass die Geständnislogik der kirchlichen Beichte nach einer zunehmenden Verinnerlichung (gebeichtet werden seit dem 17./18. Jhd. nicht nur Taten und Handlungen, sondern zunehmend Vorstellungen, Fantasien etc.) sich - in den meisten Fällen unreflektiert - auf eine profane Geständnis Praxis übertragen hat: man bekennt durch seine „Sexualität“ sein innerstes Wesen. Das ist strukturell die gleiche Bewegung, die es im Westen schon einmal gegeben hat, und zwar in der Geschichte der erotischen Literatur und Pornographie, die in ihren mittelalterlichen Anfängen immer eine Parodie auf geistliche Extase-Berichte war (Teresa von Avila etc.).
Vor diesem Hintergrund bin ich vorsichtig, wenn es darum geht, „sexuellen“ Kategorien zu erlauben, unser Wesen bestimmen zu lassen, da dies doch - meinem Glauben nach - im Verhältnis zu Gott bestimmt sein sollte.
Das Verhältnis zu meinem Nächsten ist im Idealfall von agape bestimmt, und man begegnet sich im pneuma hagion.
Zu den Begriffen der Störung und Behinderung: diese rekurrieren meist auf einen auf Menschen angewandten Begriff von „Normalität“. Dieser ist auch sehr jung, ca. Anfang/Mitte des 19. Jhd. und geht auf französische Physiologen zurück, die angefangen haben, statistische Normwerte zur Diagnostik von Stoffwechselproblemen zu definieren. Bei komplexen Störungsbildern kommt minu arvatas dieses Konzept an seine Grenzen, da das ganze biopsychosoziale System eines Menschen Symptome hervorbringt, die dann von Einzelnen getragen werden. Oft hilfreicher als den Fokus auf Probleme zu haben ist hier eine Ressourcenorientierung: welche Kapazitäten hat ein System, auf Störungen zu reagieren und sich harmonisch zu reorganisieren?
Was mir nur wichtig ist: Menschen begegnen, und fixe Ideen was „Transsexualität“ oder „Heteroflexibilität“ oder weiß der Teufel was mit einem warmen Lächeln zu begegnen, das sind Gespenster.
Ich darauf: Achtung, „Störung“ ist nicht „Behinderung“.
Er: Danke. Meistens steht da ja ein Mensch dahinter, der verzweifelt seinen Platz in der Welt sucht.
Ich wieder: Ja klar. Sowohl Störungen als auch Behinderungen „stören“ den Betroffenen. Der Unterschied ist, dass man sich mit Behinderungen „abfinden“ muss, während man Störungen „behandeln“ sollte.
Fixe Ideen sind immer dumm. Aber zB dass man seinen Nachbarn nicht totschlagen darf, selbst wenn er ein Arschloch ist, das würde ich nicht als fixe Idee sondern als weltweit etabliertes Gesetz bezeichnen.
Dass die Kirche viele Fehler gemacht hat und teilweise noch heute macht, bezweifelt wohl kaum jemand. Aber dass Sexualität unser Verhalten, Denken und Fühlen wesentlich beeinflusst, halte ich für biologisch, psychologisch und soziologisch erwiesen.
Freitag, 2. Oktober 2026