Kusta Rumma (12.03.1942 – 08.04.2017)

Hallo Freunde,

wir wünschen euch ein frohes Osterfest und ein täglich neu bestätigtes Vertrauen in Gottes Segen für euer Leben!

Für uns hier läuft Ostern dieses Jahr in einer besonderen Stimmung ab, denn gestern haben wir Lys Vater begraben. Er war von uns allen geliebt, unseren Kindern ein fürsorglicher Großvater und mir ein bewunderter Schwiegervater.

Seit Juni 2014 war ja wie berichtet sein und unser Leben stark verändert, nachdem er einen Hirnschlag erlitten hatte, von dem er sich nie wieder ganz erholen sollte. Diese letzten zweieinhalb Jahre seines Lebens waren schwer, aber auch schön. Körperlich war er noch in relativ guter Verfassung, aber gesprochen hat er nicht mehr und lebte auch geistig eher in seiner eigenen Welt. Dennoch war es angenehm, ihn besuchen zu gehen, weil er stets guter Laune war.

Zum Glück war seine Frau Asta da, die sich liebevoll um ihn kümmerte und auch sein gesetzlicher Vormund war. Die beiden hatten erst im September 2012 geheiratet, also nur knapp zwei Jahre in gemeinsamer Gesundheit genießen können. Vor der Hochzeit mit Asta war Kusta sechs Jahre lang Witwer gewesen, nachdem sein erste Frau Anne (Lys und Indreks Mutter) schon mit 63 Jahren im Juni 2006 gestorben war.

Im Dezember erlitt er offenbar einen weiteren Hirnschlag, und seitdem ging sein Leben spürbar auf das Ende zu. Er wäre eigentlich schon weg gewesen, wenn die Ärzte nicht kompetent ihre Pflicht getan und ihn davon abgehalten hätten. Auch er war sich der Situation bewusst und fürchtete sich nicht. Und am vorigen Samstag, dem 8. April hat er es dann geschafft.

Was ich von ihm erzählen möchte?

Na zum Beispiel würden wir ohne ihn gar nicht in Vigala wohnen. Die Renovierung unseres Hauses hätte ich uns ohne seine Hilfe niemals zugetraut. Er hat mindestens fünf Jahre lang um technische Planung und Bauaufsicht gekümmert, während Ly und ich eher Kunde, Assisten und Geldgeber waren.

Aber nicht nur bei der Renovierung war er wichtig. Zum Beispiel war er Gründer und jahrelang offizieller Geschäftsführer der Rumma & Ko OÜ, meines Arbeitsgebers. Überhaupt war er mein erster Ansprechpartner und Berater für alle Dinge in der estnischen Geschäfts- und Rechtswelt. Von Aufenthaltsgenehmigungen über Autokauf bis zu Immobilienfragen. Daneben fuhr er uns bei Bedarf auf mitten in der Nacht zum Flughafen.

Er war ein unermüdlicher Mensch der Tat. Wenn er uns in Vigala besuchen kam, dann ging es rund bei uns von morgens bis abends. Ich erinnere mich noch, wie er einmal an einem Septemberabend meinte „Das ist das Schöne am Herbst: da ist es nicht mehr so spät, wenn du ins Bett kommst.“

Er war ein fürsorglicher Vater und Großvater. Seine Fürsorge war freilich nicht immer willkommen, insbesondere bei den Erwachsenen. Ich durfte dann den Vermittler spielen, wenn Ly mal wieder mit ihrem Vater stritt. Also dank ihm erhielt ich kostenloses Intensivtraining in estnischer Sprache.

Nicht nur die estnische Sprache, sondern auf die Seele und Kultur dieses Volkes habe ich dank der vielen Gespräche mit ihm in der Sauna oder beim Essen aus einer Nähe betrachten dürfen, um die mich jeder Soziologe beneiden würde.

Wie die meisten Esten war auch Kusta als Atheist aufgewachsen, der allem, was mit Glaube oder Kirche zu tun hatte, zunächst mal argwöhnisch begegnete. Ein guter Atheist hält Fragen nach Gott oder einem Leben nach dem Tod für einfach abartig und das Gesprächsthema als solches für peinlich.

Aber mit mir redete er offen darüber. Und wir waren uns zumindest einig (immerhin war er Wissenschaftler), dass die wissenschaftlich korrekte Antwort auf die Gottesfrage nicht „Nein“ sondern „Wir wissen es nicht“ ist (siehe Warum ich Christ bin). Weil er das verstanden hatte, konnte er sich peu à peu damit abfinden, dass seine Tochter sich aktiv mit dem Glauben beschäftigte und in der Bibel las. Und ganz zum Schluss fing er sogar an mitzusummen, wenn wir vor dem Essen „Confitemini Domino“ sangen.

Kusta, ich bin dankbar, dass ich Dir in diesem Leben begegnet bin und 16 Jahre davon mit dir teilen durfte. Und ich glaube wirklich, dass wir uns einmal wiedersehen werden im Himmel. Du warst ja nicht gerade ein eifriger Kirchgänger, aber ich erinnere an die Geschichte von dem Busfahrer und dem Priester, die beide gestorben waren. Dem Busfahrer rief Jesus schon von weitem zu „Hallo, herzlich willkommen, komm rein“, zum Priester aber sagte er „Hm, da muss ich aber mal schauen, ob wir noch Platz haben“. Als der Priester sich wunderte, erklärte Jesus „Schau, wenn du auf der Kanzel standest, dann schliefen alle, aber wenn der Busfahrer am Steuer saß, dann beteten alle.“ Ich will sagen: hab keine Angst, wenn du nun vor Gottes Angesicht trittst.

So habe ich übrigens auch gestern am offenen Sarg geredet. Mehrere haben mich anschließend gelobt, aber wahrscheinlich bin ich auch einigen auf die Zehen getreten…

Es gäbe noch tausend andere Dinge zu erzählen, aber die werden jetzt wie gewohnt vom Fluss der Zeit mitgerissen.

Mit lieben Ostergrüßen aus Estland von

Iiris, Mari, Ly und Luc

Vigala, am Ostersonntag, 16. April 2017. (Online-Version dieses Rundbriefs hier)